Tragfähige Entscheidungen in einer Gruppe – geht das ?

An dieser Stelle bloggt heute Markus Rossmann. Er ist Diplom-Informatiker, Kommunikations-Trainer und Scrum-Master (CSM). Seit über 20 Jahren arbeitet er in der Software-Entwicklung. Dort hat er gelernt, dass es essenziell ist, sich über die Art der Zusammenarbeit in Teams Gedanken zu machen, anstatt sich auf die rein technische Lösung eines Problems zu fokussieren. Er findet, dass es  besonders spannend wird, wenn gewohnte Denkmuster hinterfragt werden – das möchte er in diesem Beitrag mit Ihnen ausprobieren.

Wenn Sie in einer Gruppe eine Entscheidung treffen:
Machen Sie das ganz normal – so wie immer?

In der Software-Entwicklung hat sich schon vor längerem herausgestellt, dass die Entwicklungs-Projekte an Komplexität immer mehr zunehmen, und deswegen die traditionelle Projektplanung schlichtweg nicht mehr funktioniert. Die Software-Branche hat sich daraufhin auf agiles Arbeiten eingestellt – kurze Entwicklungszyklen mit handlungsfähigen Teams, die dynamisch auf Veränderungen reagieren können.
Kommunikation auf Augenhöhe und Selbstorganisation sind die Schlüsselworte, die man nun in den Fluren nicht nur der Software-Entwickler hört – auch andere Branchen schauen mittlerweile erwartungsvoll auf diese agilen Methoden.

Eine Frage, auf die ich in diesen Fluren noch selten eine befriedigende Antwort gehört habe ist, wie es denn funktioniert, dass selbstorganisierte Entwicklungsteams auf Augenhöhe zusammen Entscheidungen treffen, die langfristig tragfähig sind.
Dabei hat die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, eine weitreichende Auswirkung auf alle Prozesse einer Organisation – wird jedoch meist recht unbewusst gehandhabt.

Wie eine Entscheidung “normal” abläuft

Meist geht das ungefähr so: Die Gruppe trifft sich, um endlich den nicht zufriedenstellenden Zustand XYZ neu zu regeln. Nach heftiger, anstrengender und am Ende emotionaler Diskussion über nicht so sehr klare Vorschläge kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem jemand gereizt äußert, dass nun endlich einen Beschluss gefasst werden muss – verbunden mit der Aufforderung über den Vorschlag, der am lautesten in der Gruppe diskutiert wurde, abzustimmen.
In der Tat findet sich eine Mehrheit für eine mehr oder weniger präzise Formulierung einer Lösungs-Idee – doch bleibt der fade Beigeschmack, dass es neben Gewinnern auch Verlierer gibt, die die beschlossene Lösung nicht wirklich mittragen werden – aber sie wurden ja überstimmt und fügen sich … irgendwie.

Wir sind das Mehrheitsprinzip gewohnt.

Abstimmungen nach dem Mehrheitsprinzip sind für uns der normale Weg einer Gruppenentscheidung – wir haben uns daran gewöhnt, die Nachteile dieser Methode hinzunehmen:

  • Bei der Vorbereitung der Abstimmung geht es darum, den eigenen Lösungsvorschlag hervorzuheben – und die Lösung der Gegenseite ins negative Licht zu stellen – will man ja die Gruppe davon überzeugen für die eigenen Idee zu stimmen. Nicht umsonst gibt es den Begriff “Wahl-Kampf” –  der Begriff “Wahl-Zusammenarbeit” ist eher unüblich.
  • Der Teil der Gruppe mit dem größten Mehrheitsanteil (womöglich nur die relative Mehrheit) kann letztendlich bestimmen wo es langgeht – der Rest der Gruppe hat sich dem Beschluss unterzuordnen ohne Einfluss auf die Lösung zu haben.
  • Stimmen werden auf alternative Vorschläge verteilt  – somit ist es kontraproduktiv wenn ein Lager verschiedene Lösungen einreicht – das schmälert die eigene Chance sich durchzusetzen. 
Was ist eine nachhaltige Lösung?

Experimente mit anderen Methoden zur Entscheidungsfindung haben gezeigt, dass das Verfahren mit dem eine Entscheidung getroffen wird einen wesentlichen Einfluss sowohl auf den Prozess vor der Entscheidung, als auch auf die Tragfähigkeit der Umsetzung der beschlossenen Lösung hat.

Für eine tragfähige, nachhaltige Lösung kommt es weniger darauf an, wieviele Gruppenmitglieder eine Lösung als die beste ansehen.  Vielmehr geht es darum, den Widerstand den eine Lösung in der gesamten Gruppe erzeugt, möglichst gering zu halten.
Wird eine Lösung umgesetzt die in der Gruppe hohe Widerstände mobilisiert, dann erzeugt das Ablehnung und langfristig Probleme in der Gruppe, selbst wenn eine (relative) Mehrheit  diese Lösung toll findet.

Wie findet man eine nachhaltige Lösung?

Lassen Sie uns mal einen anderen Weg gehen als den gewohnten:
Der erste Schritt ist, sich nicht nur auf einzelne wenige Lösungen zu beschränken, sondern alle die Vorschläge zuzulassen die sinnvolle Alternativen beschreiben.

Im nächsten Schritt bewerten alle Gruppenmitglieder einzeln jede der verschieden Lösungen jeweils mit ihrem sogenannten “Widerstandswert”, einer Zahl zwischen 0 und 10:

“0” heißt: “Ich habe kein Problem damit wenn dieser Vorschlag umgesetzt wird”

“10” heißt: “Wenn dieser Vorschlag umgesetzt wird habe ich ein riesiges Problem mit dem ich nicht leben kann”

“1” -“9” : In Zwischenwerten kann man ein subjektives Bild abgeben, wie stark der persönliche Widerstand ist.

Addiert man die einzelnen Widerstandswerte der Gruppenmitglieder für einen Vorschlag, dann erhält man den Gruppen-Widerstand gegen diese eine Lösung. Der Wert ist ein Hinweis darauf, wieviele Probleme die Umsetzung dieses Vorschlags in der gesamten Gruppe erzeugen würde.

Nimmt man nun den Vorschlag mit dem geringsten Gruppen-Widerstand als beschlossene Lösung, dann hat man diejenige Lösung gefunden, die bei der Umsetzung die geringsten Bauchschmerzen in der Gruppe erzeugt – und somit die besten Chancen hat, langfristig tragfähig zu sein – was einem Konsens am nächsten kommt.

Eine andere Diskussionskultur entsteht

Interessant ist, dass sich mit dem Entscheiden mittels Gruppen-Widerständen auch die Art der Diskussion in der Gruppe ändert:

  • Um den eigenen Vorschlag in der Gruppe durchzusetzen, hilft es nicht mehr die Vorteile der eigenen Idee anzupreisen. Vielmehr lohnt es sich den anderen zuzuhören, ihre Probleme zu verstehen und daraufhin den eigenen Vorschlag so anzupassen, dass die Widerstände der anderen ausgeräumt werden.
  • Es lohnt sich nun auch, verschiedene Alternativen ins Rennen zu bringen, da nicht um Stimmen konkurriert werden muss. Der Zwang zur Lagerbildung entfällt – die Gruppe kann zusammen daran arbeiten gemeinsam unterschiedliche Lösungen zu entwickeln.

Und das funktioniert? – Das funktioniert!

Das hier beschriebene Prinzip wurde von einer Gruppe von Mediatoren entwickelt, und unter der Bezeichnung “Systemisches Konsensieren” veröffentlicht. Bisher haben diese Methode viele Organisationen, Vereine und sogar öffentliche Verwaltungen mit wachsender Begeisterung eingesetzt.

Man muss auch nicht gleich mit allen gewohnten Prozessen brechen. Es lohnt sich schon immens, wenn man die Ideen des Systemischen Konsensierens alleine dafür benutzt, um die Diskussion über mögliche Lösungsvorschläge zielgerichtet zu moderieren – über die darüber gefundene tragfähigste Lösung kann man ja immer noch mit dem Mehrheitsprinzip abstimmen –  ganz normal – wie immer.

Die Beschäftigung mit diesem Prinzip zeigt, dass es dabei um weit mehr als das reine Entscheidungsverfahren geht – plötzlich ist man mittendrin in der Arbeit mit Gruppenprozessen und im Nachdenken über Organisationsformen. Plötzlich ist man mitten drin ein wertschätzendes Miteinander zu erarbeiten – genau das, worum es bei der Einführung von agilen Arbeitsmethoden im Grunde geht.

Die Herausforderung, vor der Firmen nun stehen, ist die noch recht offene Frage, wie eine Transformation hin zu einer wirklich agil arbeitenden Organisation erfolgen kann – eine Organisation die den Einzelnen Vertrauen entgegenbringt und Verantwortung überlassen kann – inklusive der Frage wie Kunden darin auf Augenhöhe eingebunden werden.

Die Auseinandersetzung mit dem hier vorgestellte Entscheidungs-Prinzip bietet dazu eine Vielfalt von Gedanken und Anregungen um eingespielte Muster von anderen Perspektiven zu betrachten – und damit neue Arbeitsweisen zu ermöglichen.

Wenn Sie Interesse an mehr Information oder einem Erfahrungs-Austausch zu diesem Thema haben: Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken und Fragen – und gebe gerne einen tieferen Einblick!

Sie erreichen mich per Mail unter mro_training@posteo.de

Markus Rossmann

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