Im Gespräch mit Jana Seifert über „new work”

„Ich habe einfach zu meinem Arbeitgeber gesagt, dass ich das gerne machen möchte.“ So hat Jana Seifert den ersten wichtigen Schritt hin zu ihrem Sabbatjahr getan. Einige Jahre später war es dann soweit: Zehn Monate war sie unterwegs in Australien, Neuseeland und Japan. Das Narrativ, das hinter dem Sabbatjahr steckt ist ihrer Meinung nach mit vielen Erwartungen überfrachtet, etwa dass man danach fast zwangsläufig sein Leben ändert. Ihre Vorstellung, vielleicht für den Rest ihres Lebens Öl-verschmierte Pinguine waschen zu wollen, hat sich – zum Glück für ihren Arbeitgeber – nicht bestätigt.

Stattdessen hat sie die Menschen im Unternehmen und ihre Arbeit vermisst. Nach ihrer Rückkehr stand für sie fest, dass sie den Schritt in die Geschäftsführung wagen möchte. Dass eine Auszeit ein Karriereknick ist, kann sie nicht bestätigen. Sie liebt ihren festen Platz in einem Team, mit dem sie wirksam sein und mit anderen Menschen zusammen etwas bewegen kann.

Ich habe mit der Medienwissenschaftlerin und Wirtschaftspsychologin über die aktuellen Veränderungen und die Zukunft der Arbeit gesprochen.

Was war dein Motivator der Geschäftsführung beizutreten?

Ein wichtiger Motivator war die Organisationskultur. Bei Commha Consulting arbeiten sehr viele Leute, von denen ich lernen kann, die inspirierend und offen sind. Außerdem bin ich ein sehr neugieriger Mensch. Wenn ich einen Job eine Weile gemacht habe, dann habe ich Lust auf etwas Neues. Mir geht es im Job auch um persönliches Wachstum. Und da stellte sich mir die Frage, ob das immer in der gleichen Rolle geht.

Frauen sagen das nicht so gerne, aber ich habe einen Führungsanspruch. Und ich hatte einen Mentor, der mich auf dem Weg begleitet hat.

Jana was denkst du: Warum arbeiten wir?

Ich denke nicht, dass man sagen kann: „Alle Leute arbeiten vorrangig, weil…“ Arbeit bedient ein Bündel unterschiedlicher Motiv-Felder. Arbeit ist ein komplexer sozialer Raum, der viele menschliche Bedürfnisse befriedigt. Ich finde, wir müssen uns das stärker bewusst machen. Arbeit ist mehr als der reine Austausch von Zeit gegen Lohn. Bei der Arbeit kommen ureigene menschliche Bedürfnisse überhaupt erst zum Tragen. Dazu gehören Status, Anerkennung, Macht, Gestaltungswille, der Wunsch,  Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln und – das wird häufig unterschätzt – sozial eingebunden zu sein über eine gemeinsame Aufgabe und ein gemeinsames Ziel. Ich glaube, dass Menschen es brauchen zu sagen: „Dieses Ziel möchte ich mit meinem Stamm, meinem Clan erreichen.“

Unternehmen und Organisationen sind letztlich nichts anderes als Gebilde, die Menschen anziehen, die gemeinsam an einer Sache arbeiten wollen. Das ist der Grund, warum Unternehmen eine Mission und eine Vision formulieren: Um die Menschen anzuziehen, die das gleiche Ziel haben, sich für die gleiche Idee begeistern können.

„Die Frage ist also nicht, ob wir arbeiten wollen, sondern wie Arbeit gestaltet sein muss, damit wir sie für unser Leben als eine Bereicherung, als Lern- und Aktionsfeld empfinden.“ 

Was bezüglich der Arbeit verändert sich gerade deiner Ansicht nach?

Erwerbsbiographien verlaufen schon in den letzten Jahren anders als in den Jahrzehnten zuvor. Das liegt zum einen daran, dass Wissen schneller veraltet. Nach 12 Jahren kann ich mit dem Wissen, das ich mir einmal im Studium erworben habe, nur noch begrenzt etwas anfangen. Außerdem werden Tätigkeiten zunehmend von Maschinen übernommen. Davon ist keine Branche ausgenommen, und ich bin teilweise erstaunt, welche Qualität diese Arbeit inzwischen erreicht hat. Um ein Beispiel aus unserem Bereich zu nennen: Ich gehe davon aus, dass wir Übersetzer für Gebrauchstexte oder Betriebsanleitungen bald nicht mehr brauchen werden, sondern nur noch Spezialisten für bestimmte Bereiche, weil die Übersetzungsprogramme, also die dahinterstehende künstliche Intelligenz, immer besser wird.

Daher müssen wir Arbeitsleben stärker als Arbeitslernen begreifen. Die Jobs von heute verändern sich ständig. Die meisten Mitarbeiter machen sich das nicht bewusst, wie sehr sie sich permanent an diese Veränderungen anpassen. Im Kommunikationsbereich etwa werden Tools, Funktionalitäten und Plattformen stetig erweitert und wir lernen damit umzugehen. Auch neue Job-Profile kommen dazu, wie etwa der Social-Media Manager, den es bis vor wenigen Jahren noch nicht gegeben hat.

Diese Strömungen führen dazu, dass es in Unternehmen eine andere Führung und andere Organisationsstrukturen braucht. Hier klafft eine Lücke, denn viele Organisationen sind diesbezüglich noch sehr dem Alten verhaftet. Wenn ich sage, mein Arbeitsfeld ist dynamisch, aber ich habe ein statisches Organigramm, passt das nicht zusammen.

Wie kommen Unternehmen dahin, diese Lücke zu schließen?

Es gibt keine pauschale Antwort auf diese Frage, weil die Unternehmen dazu zu vielfältig sind und sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Zwei Ebenen sind meiner Meinung nach aber wesentlich:

1) Selbstorganisation – Ich halte selbstorganisierte Teams für sehr vielversprechend. In der IT und in der Produktion ist das in weiten Teilen schon Normalität. Hier wird agil gearbeitet, z.B. nach der Scrum-Methode, die aus der Software-Entwicklung kommt. Die Teams arbeiten dabei autonom, selbstorganisiert, setzen sich ihre Ziele selbst und arbeiten auf ein übergeordnetes Ganzes hin. Dazu gehört ein hohes Maß an Pflichtgefühl und Engagement, denn wer sich zu einer Aufgabe bereit erklärt, muss diese in der vorgegebenen Zeit bewältigen, und wer freie Kapazitäten hat, muss keinen Vorgesetzten fragen, um sich eine weitere Aufgabe auszusuchen. Das ist ein Prinzip, das ich in Unternehmen in einzelnen Inseln, mit kleinen Teams, in geschützten Räumen, gut ausprobieren kann, wenn ich es nicht direkt in der ganzen Firma ausrollen will.

2) Führungskräfte – Diese sollten stärker darauf achten, was Mitarbeiter im Unternehmen wirklich machen wollen. Der Arbeitsmarkt wird leerer, in bestimmten Feldern gibt es einen Fachkräftemangel. Führungskräfte sollten stärker auf ihre neue Rolle vorbereitet werden, in der sie nicht mehr anleiten, Kontrolle ausüben und selbst wissen, wie alles geht. Die Aufgabe der Unternehmen ist, diese Führungskräfte darin zu unterstützen im Team Lösungen zu finden, neue Ideen zu generieren, einen weiten Blick in die Zukunft zu haben und nicht so sehr auf das kleinteilige Tagesgeschäft zu schauen. Die neue Rolle der Führungskräfte ist die des Begleiters für ihre Mitarbeiter.

„New work“ ist in aller Munde. Was versteht man darunter?

Frithjof Bergmann, der Begründer der „New-Work“-Bewegung diagnostiziert die „Armut der Begierde“. Er stellt die These auf, dass die meisten Menschen gar nicht mehr spüren, welche Bedürfnisse, Träume und Visionen sie in Bezug auf ihre Arbeit eigentlich haben. Das ist doch traurig! Ein Grund dafür ist, dass sie nie gefragt wurden.

Die zentrale Frage bei „New-Work“ in seiner ursprünglichen Form ist daher: „Was ist es, was du wirklich, wirklich tun willst?“

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Aber sie ernsthaft zu stellen und dann zu schauen, wo dafür in der Organisation Raum ist, das ist der Kern von „New Work“.

Der Einwand, dass dann alle das Gleiche machen wollen und keiner mehr die vermeintlich unangenehmen Aufgaben übernehmen möchte, entspricht übrigens überhaupt nicht meiner Erfahrung. Irgendjemand meldet sich immer. Die meisten Aufgaben verteilen sich von selbst. Wenn sich tatsächlich niemand meldet, wirft das die Frage auf: „Ist diese Aufgabe wirklich nötig?“ Vielen Unternehmen würde es guttun diese Frage tatsächlich einmal ernsthaft zu stellen.

Frithjof Bergmann geht mit seinem Ansatz viel weiter, als das Label «New Work», der heute zu einem Sammelbegriff für eine andere Arbeitswelt geworden ist. Darunter versteht man Dinge wie flexible Arbeitszeiten, Vertrauensarbeitszeit oder dezentrales Arbeiten und Home-Office. Außerdem gehört zu diesem Themenkomplex die Art der Zusammenarbeit, also das agile Arbeiten sowie das Thema Führung, das mit „Leadership 2.0“ überschrieben ist, bei dem sich Manager mehr als Coaches und Prozessbegleiter verstehen.

Du hast agiles Arbeiten jetzt schon mehrfach erwähnt, was genau ist daran so beweglich und warum brauchen wir das gerade jetzt?

Für agiles Arbeiten sind drei Elemente zentral: Das ist zum einen die starke Fokussierung auf Kunden oder Nutzer, zum anderen eine hohe Autonomie der einzelnen Teams und zum dritten die kontinuierliche Anpassung an die aktuelle Lage.

Wir werden ständig mit neuen Aufgaben konfrontiert. Wer als Organisation zu schwerfällig ist, geht unter. Außerdem führt agiles Arbeiten meiner Ansicht nach zu mehr Selbstwirksamkeitserleben: Man kommt schnell zu ersten Ergebnissen, etwa einer neuen Idee oder einem Produktprototypen.

Arbeitskräfte-Mangel ist ein starkes Argument für agiles Arbeiten, denn einen bestimmten Schlag Mitarbeiter werde ich nur noch so ansprechen können: Menschen, die sich entwickeln wollen, die Freiraum wollen und diesen nutzen, um ihre Ideen zu verwirklichen.

Wer sind die Treiber neuer Arbeitsformen in Unternehmen?

Gerade jüngere Generationen wollen eingebunden sein und hinterfragen Entscheidungen kritisch. Es ist ein Employer-Branding-Faktor ob ich als Arbeitgeber eine Unternehmenskultur habe, die Autonomie und Weiterentwicklung im Job ermöglicht.

Außerdem führt Partizipation zu mehr Akzeptanz bei Entscheidungen – das Unternehmen kann sich dadurch schneller anpassen. So arbeiten wir auch mit unseren Kunden. Letztlich geht es bei unseren Mandaten oft darum, sie dabei zu unterstützen, selbst eine Lösung zu finden. Wir treten dann als Prozessbegleiter und nicht als Experte auf. Design Thinking ist beispielsweise ein Instrument aus der großen Toolbox des agilen Arbeitens, das in solchen Fällen zum Einsatz kommt.

Ist gewaltfreie Kommunikation Ursache oder Wirkung dieser neuen Arbeitskonzepte?

Gewaltfreie Kommunikation ist sehr hilfreich, um sich in New Work oder agilen Konzepten von Arbeit erfolgreich zu bewegen. Denn bei gewaltfreier Kommunikation geht es darum, dass ich meine Bedürfnisse spüre und diese auf eine Art und Weise zum Ausdruck bringe, dass mein Gegenüber damit gut umgehen kann. Im Rahmen der Selbststeuerung in agilen Teams ist diese Form der Kommunikation extrem nützlich. Agile Arbeitsformen liegt ein sehr humanistisches Menschenbild zugrunde, also die Erkenntnis, dass der Mensch ein eigenverantwortliches Wesen ist, das Dinge aus gutem Grund tut. Gewaltfreie Kommunikation kann ein gutes Mittel sein, um Mitarbeiter auf einer Meta-Ebene zu befähigen, sich im New-Work-Arbeitsfeld zurechtzufinden.

Wie unterstützt Commha-Consulting Unternehmen bei der Transformation hin zu neuen Arbeitsformen?

Wir leben das Prinzip vor, indem wir Methoden, Arbeitsweisen und Haltungen im Rahmen unserer Projekte in die Unternehmen hineintragen. So sammeln die Beteiligten erste Erfahrung und entwickeln eine positive Grundhaltung. Kompetenzaufbau ist eine weitere Basis, die aber oft vernachlässigt wird. Um es plastisch zu machen: Man würde jemandem, der noch niemals am Steuer saß, kein Auto hinstellen und sagen: „Fahr mal los“.

Die zweite Komponente ist die Arbeit mit den Führungskräften. Die Auftragsklärung steht hier am Anfang. Kunden kommen zu uns mit der Idee: „New work, das ist etwas, das wir unbedingt machen müssen!“. Letztlich haben sie aber noch keine Vorstellung davon, was sie damit erreichen wollen. Wir stellen dann gerne die Frage: „Was soll denn in Zukunft anders sein?“ Häufig ist die Antwort, dass schnellere Innovationszyklen gewünscht sind. Wer sich klar macht, mit welchem Ziel er die Transformation der Arbeit einleitet, hat eine gute Grundlage, um dies auch den Mitarbeitern zu erklären. 

Was hältst du selbst für die wichtigsten Trends in Bezug auf die Zukunft der Arbeit?

Das Thema Sinnorientierung neudeutsch „purpose“ wird uns sicher noch eine Weile begleiten – zumindest bei gut ausgebildeten Fachkräften.

Dazu kommt ein höherer Vernetzungsgrad. Unternehmen vernetzen sich untereinander und mit Menschen stärker – die Unternehmensgrenzen werden durchlässiger.

Menschen werden außerdem in zunehmendem Maße mehrere Berufe haben, die Lerndichte und -intensität wird sich weiter erhöhen. Das ist ein großes Thema für Unternehmen, denn Lernprozesse brauchen Zeit.

Unternehmen sollten außerdem nicht verpassen, sich zum echten Erleben und zu echten Begegnungen hinzuwenden, sozusagen als Antipode der Digitalisierung. Wir sind mit fünf Sinnen ausgestattet, die wir einsetzen, um Erfahrungen zu machen. Die Digitalisierung bedient nur einen Bruchteil. Sie entkoppelt uns vom Erleben. Seit der Erfindung der Touch-Screens gibt es ja nicht einmal mehr Knöpfe, die man bedienen kann. Wir wollen den Schweiß der anderen auf der Tanzfläche riechen. Klingt eklig – ist aber so.

„Zu jeder Bewegung gibt es eine Gegenbewegung und bei fortschreitender Digitalisierung wird es Stränge geben, die versuchen deren Effekte zu kompensieren. So können Bedürfnisse befriedigt werden, die im digitalen Raum zu kurz kommen.“

Jetzt hast du gleich mehrere spannende neue Themen aufs Tablett gelegt, über die wir ein anderes Mal sprechen können!

Sehr gerne.

Vorgestellt – Jana Seifert

Jana ist Geschäftsführerin bei Commha Consulting, einem Heidelberger Beratungshaus mit den Schwerpunkten Change, Communication und Collaboration. Die Medienwissenschaftlerin, Journalistin und Wirtschaftspsychologin kümmert sich vor allem um interne Kommunikation und Zusammenarbeit bei großen Konzernen und Mittelständlern. Arbeitsschwerpunkte sind Organisations- und Teamentwicklung, Projekt- und Change-Kommunikation. Auf ausgedehnten Wanderungen in Pfalz, Odenwald und dem Rest der Welt kommen ihr die besten Ideen. Sie war ein Jahr in Paris zu Hause und mehrere Monate in Australien und Neuseeland unterwegs – natürlich mit Wanderrucksack. Nachlesen kann man ihre Wanderabenteuer auf ihren Blog. Aktuell lebt sie in Mannheim.

Du erreichst Jana telefonisch: +49 6221 / 18 779-26

per Mail: jana.seifert@commhaconsulting.com

oder über LinkedIn: www.linkedin.com/in/jana-seifert

Zählst du zu den Experten deines Fachs oder kennst du eine Persönlichkeit, die zu einem zentralen Thema unserer Zeit unbedingt gehört werden sollte? Dann sprich mich gerne an. Ich bin immer offen für Vorschläge!

 

 

Im Gespräch mit Dr. Alexis Katechakis über Nachhaltigkeit – Teil 1

Dem Menschen mit dem ich heute zum Gespräch verabredet bin, wurde die Liebe zur Natur in die Wiege gelegt: Sommerurlaube bei den Großeltern auf der Insel Kreta wecken sein Interesse an Biologie und der Wildnis. Mit 16 Jahren verbringt er Zeit in Camp Celo, inmitten der Blue Mountains North Carolinas. Jetzt faszinieren ihn die größeren Zusammenhänge. Er verschlingt die wissenschaftliche Arbeit „Limits to growth“, über die Lage der Menschheit, die in den 70er Jahren im Auftrag des Club of Rome am Massachusetts Institute of Technology erstellt wird und Furore macht. Zum ersten Mal werden auf Basis von Computersimulationen die globalen Auswirkungen individuellen Handelns beschrieben. Die Szenarien geben die Stoßrichtung vor, die heute noch weitgehend Gültigkeit hat. Das ist für Alexis die Initialzündung, um sich mit Nachhaltigkeitsthemen auseinander zu setzen, auch wenn der Begriff erst viel später wirklich an Bedeutung gewinnen wird. In seiner Diplom- und Doktorarbeit beschäftigt er sich mit Nährstofflast und Nährstoffstöchiometrie im Meer und der Frage, wie lange sich dieses von Menschen beeinflusste System stabil verhält und wann es kippt. Er sagt: „Ich glaube es gibt Dinge, die schon immer in einem drin sind und die man findet, wenn man in sich hineinhört. So ist es bei mir mit der Nachhaltigkeit. Mich hat nicht mehr losgelassen, dass alles mit allem zusammenhängt und so wurde meine Reise immer konkreter.“ Heute ist Dr. Alexis Katechakis einer der Geschäftsführer von fors.earth, einer führenden Strategieberatung für Nachhaltigkeit in Deutschland.

Alexis, ich habe den Eindruck der Begriff Nachhaltigkeit ist auf dem besten Wege das gleiche Schicksal zu erleiden wie die „Ganzheitlichkeit“: Abnutzung durch inflationären Gebrauch. Lass uns doch zum Einstieg klären, wie Nachhaltigkeit tatsächlich definiert ist.

Sehr gerne! Die sogenannte Brundtland-Definition der Vereinten Nationen lautet: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Möglichkeit zukünftiger Generationen einzuschränken, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.“

Darin stecken verschiedene Aspekte, nämlich zum einen die Definition des Begriffs „Bedürfnisse“, mit dem nicht etwa die materiellen Dinge gemeint sind, die wir in den Industrienationen als selbstverständlich ansehen, sondern Grundbedürfnisse eines jeden Menschen, um ein gutes Leben zu führen. Konkret heißt das: Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, Zugang zu Bildungs- und Gesundheitssystemen und soziale Vernetzung. Kurzum, alles was uns als Mensch ausmacht, mit dem Gedanken, dass sich darum niemand sorgen sollte.

So wie wir uns allerdings heute verhalten, geht es häufig entweder zu Lasten anderer Menschen oder zu Lasten der Natur bzw. unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Der zweite Aspekt, der in der Brundtland-Definition steckt, ist der intergenerationelle Aspekt. Daraus geht die Verantwortung für zukünftige Generationen hervor. Insofern ist die Definition eigentlich ein Leitbild oder eine Vision.

Klassische Fragen, die mit Nachhaltigkeit verbunden sind, lauten etwa: Was sind unsere Lebensgrundlagen? Wie können wir sie erhalten? Wie kann man sie messen und wo wirken verschiedene Arten von Kipppunkten? Wie lange bleibt das System stabil und ab wann reagiert es unvorhersehbar?

Ein wichtiges Konzept in diesem Zusammenhang sind die sogenannten planetaren Grenzen, die «Planetary Boundaries». Es wurde 2009 von einem Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Johan Rockström am Stockholm Resilience Centre veröffentlicht. Darin stecken Parameter wie Klimawandel und Meeresversauerung, Artenvielfalt und die Funktionsweise von Ökosystemen – die ein großes Thema sind mit vielen ungeklärten Fragen – aber auch die Freisetzung von neuartigen Substanzen, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte erfunden haben, deren Einfluss wir aber bis heute nicht quantifizieren können.

Planetary Boundaries – Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Stockholm University

Du hast gerade von den Kipppunkten gesprochen. Was passiert denn, wenn wir diese überschreiten?

In vielen Bereichen wissen wir dies noch nicht. In anderen sehr gut. Wir wissen inzwischen zum Beispiel sehr genau, wie und ab wann der vom Menschen verursachte Klimawandel lebenserhaltende Systeme beeinflusst und das tut er ja bereits. Wir können voraussagen bzw. beobachten, wie sich erhöhte Temperaturen auf die Gletscherschmelze, das Absterben von Korallenriffen oder den Jet-Stream auswirken. Die Frage, die sich stellt, ist, können wir noch zum „alten“ stabilen System zurückkehren, oder wird ein alternatives stabiles System entstehen? Auf das Klima bezogen kann dies im Extrem zu einer sogenannten Hothouse Earth führen, einer Heißzeit auf der Erde. Ob diese für uns dann noch in dem Maße bewohnbar wäre, wie heute, ist schwer zu sagen.

Allgemein wird wissenschaftlich gerade diskutiert, ob bereits ein anderes Erdzeitalter begonnen hat, das Anthropozän. Wir leben ja bislang im Holozän, das nach der letzten Eiszeit vor ca. 12 000 Jahren begonnen hat. Das ist quasi der Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte, in dem wir uns von Jägern und Sammlern über die Seßhaftwerdung und Industrialisierung zu unseren heutigen Gesellschaftsformen entwickelt haben, mit denen viele Nachhaltigkeitsprobleme entstanden sind. Die Wissenschaft diskutiert also jetzt, ob wir durch unser Handeln das System bereits soweit beeinflusst haben, dass man erdgeschichtlich von einem neuen Zeitalter sprechen kann. Die Entscheidung darüber soll noch in diesem Jahr anstehen.

Wie können wir denn verhindern, dass die planetaren Grenzen überschritten werden?

Alles beginnt mit den Fragen: Wie leben wir, welche Ansprüche haben wir und wofür sind wir am Ende auch bereit, Geld auszugeben, was ist uns was wert? Viele lebenserhaltende Leistungen, sogenannte Ökosystemleistungen oder «Ecological Services» sind zum Beispiel nicht in unser Wirtschaftssystem eingepreist. Wir zahlen in der Regel nichts für saubere Luft, sauberes Wasser oder gesunde Böden. Wir gehen davon aus, dass sie einfach zur Verfügung stehen. Obwohl sie für unser Überleben elementar sind, berücksichtigen wir die Kosten für ihren Schutz und ihren Erhalt kaum. Man spricht deshalb in der Ökonomie auch von «Externalitäten». Wenn man solche Ökosystemleitungen internalisieren würde, hätte dies Einflüsse auf die Preise von Gütern und Konsummuster. Und es würden neue Geschäftsmodelle entstehen: Landwirte würden dafür bezahlt werden, Biodiversität, also Lebensvielfalt, zu schützen. Forstbetriebe und Waldbesitzer bekämen dafür Geld, dass Bäume CO2speichern und Waldboden Wasser filtert, usw..

„Penny“ hat kürzlich in einzelnen Läden den Versuch unternommen, neben dem regulären Preis seiner Produkte einen „true cost“-Preis auszuzeichnen. Dieser hat die Ausgaben für das Ökosystem oder soziale Dienstleistungen mitberücksichtigt. Ziel war zu schauen, ob es die Kaufentscheidung der Kunden beeinflusst. Dies ist ein Beispiel für Entwicklungen, die jetzt immer mehr kommen.

Die zentrale Frage ist, wie wir unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme so gestalten können, dass sie möglichst stabil und resilient sind, das heißt, auch nach Störungen wieder in einen für uns lebenswerten Zustand kommen.

„Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir zwar viele unserer lebenserhaltenden Systeme kennen, aber nicht genau wissen, wo die planetaren Grenzen tatsächlich liegen.“

Aber wir können viele Bereiche inzwischen sehr gut modellieren und wissen daher, in welche Richtung wir uns bewegen müssen. Die Rechenkapazität, die uns heute zur Verfügung steht, erlaubt es uns, immense Mengen an Daten zu sammeln und global miteinander zu vernetzen. Dies ermöglicht es uns, Wirkzusammenhänge darzustellen, Dynamiken zu erkennen und Rückkopplungsschleifen aufzudecken, also sich selbst verstärkende oder abschwächende Prozesse.

Shell hat beispielsweise schon 1988 eine Studie in Auftrag gegeben, ‘The Greenhouse Effect’, in der die Folgen eines „business as usual“ für das Klima sehr genau vorausgesagt wurden. Diese Folgen spüren wir jetzt immer deutlicher. Shell hat die Studie damals dennoch unter Verschluss gehalten und entschieden, erst einmal wie gehabt weiterzumachen.

Nicht zuletzt lernen wir natürlich auch aus Erfahrung. Wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht, aus denen wir Konsequenzen gezogen haben. Der Zusammenhang zwischen FCKWs und dem Ozonloch zum Beispiel. Hier war es noch relativ einfach gegenzusteuern, weil der politische Wille stark war und es nur wenige Hersteller gab. 

Warum brauchen wir deiner Ansicht nach eine Diskussion über planetare Grenzen und Nachhaltigkeit auch in Unternehmen?

Zwei wesentliche Änderungen sind in den letzten Jahren massiv spürbar. Erstens, das Bewusstsein für diese Themen und die Zusammenhänge steigt in der Gesellschaft. Das erkennt man schon daran, welchen Raum sie in der medialen Berichterstattung inzwischen einnehmen, auch wenn das derzeit von Corona etwas überlagert wird. Die Themen sind im Fokus der Gesellschaft.  Die Motivation sich damit zu beschäftigen kommt daher, dass der Druck steigt. Wir erkennen, dass wir in einem geschlossenen System leben, von dem wir abhängen. Außer der Energie, die von der Sonne und damit von außen kommt, sind die Ressourcen auf diesem Planeten die einzigen die wir haben. Wir spüren das an verschiedenen Enden und damit werden die Themen auch für den einzelnen Menschen bedeutsamer. 

Der Preis, den wir für unseren Wohlstand zahlen ist, dass wir uns selbst zunehmend unsere Freiheitsgrade einschränken: Global betrachtet hat der Wohlstand zwar zugenommen, die Lebensqualität hat sich verbessert, trotz Bevölkerungswachstum. Das Ganze hat aber eine Kehrseite. Denn unser materielles Wachstum geht zu Lasten von natürlichen Ressourcen, der Regenerationskraft der Erde und auch sozialer Systeme. Im Großen und Ganzen geht der Lebensstil in den Industrienationen auf Kosten der Menschen in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern.  Dies wird immer weniger akzeptiert.

„Die Herausforderung vor der wir als Gesellschaft aber auch als Unternehmer stehen ist, wie wir unsere Freiheitsgrade wieder erweitern können.“

Es ist zweitens unsere Überzeugung und spiegelt unsere Erfahrung wider, dass zunehmend jene Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein werden, die Lösungen zu Nachhaltigkeitproblemen beitragen .

In den letzten Jahren erkennen immer mehr Unternehmen die strategische Bedeutung von Nachhaltigkeitsthemen für ihren Geschäftserfolg, für ihre Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Es geht nicht mehr «nur» um Spenden und Sponsoring, um das Einhalten rechtlicher Vorgaben oder Berichterstattung. Es geht um die Frage, welchen Mehrwert, welchen Nutzen, ein Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen stiftet. Das ist auch der Grund, warum wir 2016 fors.earth gegründet haben. Weil wir festgestellt haben, dass Nachhaltigkeitsthemen in den Unternehmen einen anderen Reifegrad erreicht haben und strategisch angegangen werden müssen. Es geht dabei um Transformation, konkret um die Beantwortung der Frage, was ich aus meinem Kerngeschäft heraus im Sinne der Nachhaltigkeit Positives leisten kann, wie ich Nutzen, einen Mehrwert für meine Gesellschaft schaffen kann

Ein Problem für Unternehmen – zusätzlich zur Komplexität der Themen und ihrer Zusammenhänge – ergibt sich aus der beschleunigten Dynamik und nicht-linearen Zusammenhängen. Abzuwarten und später zu entscheiden wie man handeln will, das geht heute nicht mehr. Es erfordert Mut, ohne alle Zahlen, Daten und Fakten zu kennen, in eine neue Richtung zu steuern, das „Richtige” zu tun.

Was haben Unternehmer davon so mutig ins Ungewisse zu springen?

Wir bei fors.earth erklären das gerne mit dem „systemischen Wert“. Dieser bemisst sich als Quotient aus Nutzen und Fußabdruck. Je größer der gesellschaftliche und ökologische Nutzen gegenüber den gesellschaftlichen und ökologischen Kosten, desto größer ist die Wertschöpfung und damit der wirtschaftliche Erfolg.

Das erfordert natürlich einen Blick in die Zukunft, um genau die Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die im sich verändernden Umfeld der Nachhaltigkeitsherausforderungen tatsächlich gebraucht werden.

Einzelne Unternehmen schließen strategisch eine Wette auf die Zukunft ab, Tesla beispielsweise. Sie sagen: „Wir sehen wo die Reise hingeht. Wir investieren, auch wenn sich das wirtschaftlich erst einmal noch nicht rechnet. Wir haben das Vertrauen, dass wir irgendwann in den wirtschaftlich lukrativen Bereich kommen werden.“ Das ist, was gerade tatsächlich passiert.

Mit diesem proaktiven Blick in die Zukunft wird ein Unternehmen auch von gesetzlichen Rahmenbedingungen – die sich weiter verschärfen – nicht so hart getroffen wie andere, die diese proaktive Haltung nicht einnehmen.

Des Weiteren klappt es mit einer Strategie, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, auch besser mit der gesellschaftlichen Akzeptanz. Und schließlich ist es schlicht auch eine Frage der Finanzierung, denn Investoren achten natürlich darauf, Unternehmen zu unterstützen die wettbewerbs- und zukunftsfähig sind. Unternehmen, die sich in puncto Nachhaltigkeit fit machen, sind für immer mehr Investoren besonders interessant.

Treffen denn Konsumenten heute schon eine bewusste Kaufentscheidung für Produkte von Unternehmen mit strategischem Nachhaltigkeitsansatz?

Das ist der Wunsch, aber es ist leider nach wie vor die Ausnahme. Nichtsdestotrotz beobachten wir eine zunehmende Erwartung von Verbrauchern, dass Produkte und Dienstleistungen bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Konsumenten reagieren zunehmend sensibel darauf, wie, wo und von wem Produkte hergestellt werden, wo die Ressourcen dafür herkommen, welche Auswirkungen die Nutzung auf Umwelt und/oder Gesellschaft hat und ob ein Produkt am Ende entsorgt wird oder recycelt werden kann.

Dies führt aber nicht zwingend zu einer bewussten Entscheidung oder gar einer höheren Zahlungsbereitschaft für derartige Produkte. Insbesondere, wenn sie mit konventionellen Angeboten konkurrieren müssen. Dann braucht es persönliche Überzeugungen oder besondere Qualitätsmerkmale, die eine Kaufentscheidung günstig beeinflussen. In diesem Zusammenhang ist auch die „consumer convenience” wichtig. Es muss dem Konsumenten leicht gemacht werden, nachhaltigere Produkte zu nutzen.

Ganz abgesehen davon gibt es „das“ nachhaltige Produkt eigentlich nicht. Denn ehrlicherweise ist es für ein Unternehmen sehr schwierig nachhaltig zu sein. Es kann aber sehr wohl zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Dies dem Konsumenten zu vermitteln, um die Kaufentscheidung zu beeinflussen oder ganz in Frage zu stellen, ist nicht trivial. Gütesiegel – wie etwa bei der Bioware – gibt es dafür nicht.

Letztlich kann ein Unternehmen aber immer beeinflussen, welche Leistungen oder Waren es anbietet. Eine Supermarktkette kann sich beispielsweise entscheiden, nur noch Produkte zum Kauf anzubieten, die gut definierte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Damit nimmt man dem Kunden quasi die Entscheidung ab.

Wow, das war jetzt schon sehr viel Input. Ich danke dir lieber Alexis und schlage vor, wir machen hier eine Pause und setzen das Gespräch im nächsten Blogbeitrag fort.

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Vorgestellt – Dr. Alexis Katechakis

Alexis hat Biologie und Sustainable Resource Management an den Universitäten Göttingen, Kiel und München studiert. Nach mehrjähriger Tätigkeit am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel (GEOMAR) wechselte er in die Wirtschaft und sammelte Erfahrung als Pressesprecher, PR-Berater und Investor Relations Manager mit Fokus auf Produkt-, Unternehmens- und Krisenkommunikation. Heute ist er einer der Geschäftsführer von fors.earth, einer führenden Strategieberatung für Nachhaltigkeit in Deutschland. Seine Schwerpunkte sind CR-Strategieentwicklung, Change Management, Trainings, Workshops und Moderationen. Und wenn dann noch Zeit ist, bietet er mit „Into the Wild“ Naturkundliche Exkursionen zwischen Ammersee und Andechs an, nicht nur für Unternehmensvertreter.

Weitere Informationen zum Angebot von fors.earth gibt es im Internet unter: https://www.fors.earth/de/home.html

Alexis ist zu erreichen unter: alexis.katechakis@fors.earth

Im Gespräch mit Dr. Reimar Schlingensiepen über Unternehmensgründung

Mein heutiger Gesprächspartner ist viel in der Welt herumgekommen. Als Sohn eines Diplomaten verbrachte er seine Kindheit in Südeuropa, Südamerika und im Nahen Osten. Den klinischen Teil seines Medizinstudiums hat er in Frankreich und England absolviert. Die jeweilige Kultur hat er sich über die Sprache erschlossen, so dass er heute – teils fragmentarisch – 6 Sprachen spricht, am liebsten als Kauderwelsch. Die eigene Familie wurde in all dem Wandel zur Konstante. In Syrien und Griechenland erlebte er den Einfluss der Diktatur auf die Menschen. So lernte er die Demokratie noch mehr zu schätzen und kam mit einem veränderten Blick auf Deutschland zurück. Er verbindet damit Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Kultur. Er stellt sich derzeit die Frage, ob es genug Menschen gibt, die diese Werte ausreichend schätzen, um sich für die Demokratie einzusetzen, die er – auf der ganzen Welt – durch Populisten unter Druck sieht. Dr. Reimar Schlingensiepen ist heute Coach und Unternehmensberater, Interim-Manager und CEO, besonders in den Bereichen Biotechnologie und Medizintechnik.

Wann wirst du als Berater zu Unternehmen hinzugezogen?

Eigentlich immer, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Denn erst, wenn die Hütte brennt, fällt irgendwem – meist einem Investor – mein Name ein. Gerne würde ich früher involviert, aber das wäre zu viel verlangt, weil es ja bis zur vollen Krise noch irgendwie funktioniert. Andererseits sind dann die Wege aus der Krise für alle viel besser spürbar und der Enthusiasmus ist größer. So macht die Arbeit noch mehr Freude, weil ich mehr bewegen kann.
In der Krise ist die Bereitschaft zu Änderungen größer.

Wie siehst du deine Rolle als Berater und wie gehst du vor?

Ich habe einmal mit einem Emeritusprofessor einer Universität im Badischen zusammengearbeitet, der eine eigene Firma gegründet hat. Der hat zu mir gesagt: „Hätte ich Sie nur vor 30 Jahren getroffen. Sie ordnen meinen Kopf mit all‘ seinen Ideen!“ Wenn mir das gelingt, freue ich mich natürlich riesig. Ich schaue mir das Produkt an – in meinem Bereich sind das ja meist Wirksubstanzen für die medizinische Anwendung. Dann sortiere ich, wo es einen Bedarf gibt und wie gut die Substanz in verschiedenen Bereichen abschneidet. Gibt es Anwendungsgebiete mit hohem Bedarf, weil es noch keine Therapien gibt? Gibt es überhaupt Interesse in der Industrie an dieser Therapie? Wie sind die Aussichten auf ein Patent? Können andere die Krankheit kostengünstiger behandeln? Wie schwierig, langwierig und teuer wird die Entwicklung sein? Es ist ein bisschen wie puzzeln. Ich gebe den Gründern verschiedene Mittel und Aspekte an die Hand, mit denen wir die vielen Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.

Bei der Priorisierung von Projekten helfen Scoring-Tabellen, mit denen wir Punkte für jeden Aspekt vergeben. Das hat bisher immer sehr gut funktioniert, vielleicht auch, weil ich den Markt seit vielen Jahren kenne und dementsprechend bei der Bewertung helfen kann.

Was sind die häufigsten Probleme, die du in Unternehmen – die dich zu Rate ziehen – identifizierst?

In allen Phasen der Unternehmensentwicklung ist die Suche nach Kapital ein großes Problem. In den USA wäre das einfacher, in Deutschland ist das schwierig. Dabei ist die Anfangsfinanzierung dank Fonds wie beispielsweise dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) gar nicht so schlecht. Die Schwierigkeiten beginnen für viele erst mit der Anschlussfinanzierung. Ich glaube, der Grund liegt in der Sorge um die fehlende sichere Rendite. Wir hinken in dem Verständnis von Start-up-Finanzierungen den USA mehrere Jahrzehnte hinterher. Dort schaut ein Investor auf sein Portfolio und ist zufrieden, wenn sich von seinen 10 Firmen, 6 lateral bewegen und 1 Diamant herauskristallisiert. In Deutschland neigen wir dazu uns auf die 3 zu konzentrieren, die es vielleicht nicht schaffen werden. Wir sehen also eher das Risiko anstatt der Chance. Daher heißt Venture Capital bei uns auch nicht Wagnis-, sondern Risikokapital. Durch die Erfolgsgeschichte von Biontech beispielsweise verändert sich aber auch bei uns inzwischen das Verständnis.

Es ist aber auch so, dass die Projekte oft so unstrukturiert sind oder sich in die falsche Richtung entwickeln, dass alles auf den Kopf gestellt werden muss, bevor das Projekt überhaupt für die Geldgeber interessant ist.

Auch werden fast immer zu viele Projekte verfolgt. Wer mehrere Hasen jagt, fängt keinen. Wenn wir gemeinsam schauen, wo die Forschung/das Produkt am aussichtsreichsten und der Bedarf am größten ist, kristallisiert sich schnell heraus, was zu tun ist. Dabei erkennt der Wissenschaftler – der geschult ist vorrangig wissenschaftlichen Interessen nachzugehen – dass Priorisierung auf das wirtschaftlich Sinnvolle unumgänglich ist. Das ist halt leider nicht immer das spannendste Projekt. Außerdem kommt nach der hoffentlich aufregenden Forschung noch die jahrelange Entwicklung, also die Fleißarbeit. Die Ausgangssituation ist meist, dass die Firma mit begrenzten finanziellen Mitteln das erste Projekt meistern muss, oder zumindest so weit Fortschritt sichtbar wird, dass der Investor erstmalig oder noch einmal investiert.

Und schließlich gibt es auch noch die Probleme auf der Personalebene. Ein befreundeter Wirtschaftspsychologe hat mir einmal gesagt: „Auch ein gestörtes System ist ein in sich funktionierendes System.“ Das hat mir die Augen für meine Arbeit in manchen Unternehmen geöffnet. Die größte Herausforderung als Berater ist es, in ein Systeme einzugreifen, in dem wesentliche Beteiligte zwar Besserung wollen, aber das System an sich nicht angetastet werden darf, getreu dem Motto: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Da sind oft Egos am Werk, die ihre Rolle spielen wollen, die dem Unternehmen aber überhaupt nicht gut tut. Da muss man, wenn man Veränderung herbeiführen will, schon sehr sperrig sein.

Wir haben gerade über Investoren gesprochen. Womit steigen denn die Chancen, dass ein Unternehmen anschlussfinanziert wird?

Da geht es zu 50% um das Produkt, das neu und einzigartig ist. Im Falle der Unternehmen, die ich betreue heißt das, es bringt einen medizinischen Nutzen, sei es durch bessere Therapie oder weniger Kosten bei gleicher Wirksamkeit. Dann ist es die Klarheit in der Kommunikation mit dem Investor, damit dieser die Alleinstellung auch sieht. Und die andere Hälfte ist das Vertrauen in die Person des Unternehmers selbst. Ein schlechtes Produkt wird niemand auf den Markt entwickeln können, aber ein gutes Projekt zu versenken, das schafft notfalls jeder. Der Investor sollte also dem Unternehmer zutrauen, das Projekt über die Ziellinie zu führen.

Wie gelingt denn ein gutes Miteinander von Unternehmer und Investor?

Das Wichtigste ist zu verstehen, wo jede der beiden Parteien herkommt. Die Sorgen, Pflichten und Möglichkeiten der anderen Seite zu verstehen hilft sehr, Spannungen zu vermeiden. Gibt es Probleme, dann ist es hilfreich die Positionen beider Seiten zu betrachten, damit konstruktive Lösungswege gesucht werden können. Wenn nicht auf der einen oder anderen Seite ein unüberwindliches Ego sitzt, kann die Zusammenarbeit sehr harmonisch sein. Der Grund für die Haltung des einen, sollte sich dem anderen erschließen, weil nur so Verständnis aufkommt und ein Konsens gefunden werden kann. Am Ende sitzen doch alle im selben Boot und wollen den Erfolg. Mein Vorteil ist, dass ich mich als dritter, unbeteiligter Partner oft einfacher in die Positionen der Parteien hineinversetzen kann und mir Probleme leichter kommuniziert werden.

Gibt es ein wiederkehrendes Thema, das dir speziell bei Unternehmensgründungen auffällt?

Es gibt tatsächlich ein Thema, das überall mit drin steckt: Furcht. Genauer: Die Furcht vor der falschen Entscheidung, weswegen sie lieber nicht gefällt wird. Falsche oder keine Entscheidungen aus Angst vor den wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Konsequenzen, aber auch die Furcht vor den Geldgebern, und so weiter. Ich beobachte, dass diejenigen, von denen eine Entscheidung erwartet wird, sich ihrer Furcht oft gar nicht bewusst sind, im Gegenteil! Sie halten sich sogar selbst für unerschrockene Kämpfer. Die Furcht ist der Elefant im Raum, während sich die Beteiligten im Disput ergehen.

Man muss Gründern aber auch zugutehalten, dass sie alles zum ersten Mal machen. Sie werden in Schule und Universität in keiner Weise darauf vorbereitet, was es heißt, ein Unternehmen zu gründen – was noch einfach ist – gemessen daran es zu führen und zu entwickeln. Wem soll das denn nicht Respekt einflößen?

“Mein Job ist, Menschen in die Lage zu versetzen, Entscheidungen zu treffen.”

Also mit Kriterien aber auch damit, ihnen vor Augen zu führen, welche Konsequenz eine Entscheidung, vor allem aber eine Nicht-Entscheidung haben kann. Was ich im Übrigen den Gründern im Umgang mit ihren Mitarbeitern auch mitgebe: Baue auf das Können deiner Mitarbeiter, entwickle sie weiter, damit sie über sich hinauswachsen und dich noch besser entlasten können! Nur so kommt das Unternehmen vom Fleck.

Was müsste sich Deiner Meinung nach ändern, damit Gründer nicht ganz so ins kalte Wasser gestoßen werden?

Eigentlich müsste es in allen Studiengängen Module zur Selbstständigkeit und zur Führung von Menschen geben. Egal, ob ich als Linguist ein Übersetzungsbüro gründe oder mich als Mediziner niederlassen will, ob ich in der Uni oder einer Firma ein Team leiten muss, dieses Wissen bräuchte jeder. Aber unsere Lehranstalten sind fast ausschließlich auf akademisches Wissen ausgerichtet. Klassisches Beispiel sind die Lehrer, denen 12 Semester Fachwissen eingebläut wird, sie aber ohne pädagogische Ausbildung mit Schülern umgehen können sollen. Oder eben der Gründer, der laut Gesetz ab der ersten Sekunde „kaufmännische Sorgfalt“ walten lassen muss. So muss jeder von uns ohne hilfreiches Vorwissen die Fehler der anderen wiederholen. Das ist schon schade.

“Wenn alle wüssten, dass Führungswissen und Unternehmertum nicht nur für Gründer, sondern für uns alle wichtig ist, wäre die Akzeptanz vielleicht höher.” 

Gibt es gängige Mythen, Glaubenssätze oder Erwartungen von Gründern, mit denen Du gerne aufräumen möchtest?

Viele Gründer meinen, dass die Welt ganz ungeduldig auf das Produkt wartet, dass Investoren sich kaum bändigen können, ihr Unternehmen zu finanzieren. Und schließlich: Dass es ohne den Gründer niemals auf Dauer laufen wird. Letzteres ist aber nur der Fall, wenn der Gründer sich fortwährend weiterentwickelt und mit dem Unternehmen und der Verantwortung wächst. Das ist einerseits der große Reiz, andererseits verlangt es den Menschen viel ab. Als ich das erste Mal Geschäftsführer wurde, sagte mir ein Mitarbeiter mit langjähriger Pharmaerfahrung nach einiger Zeit, dass er anfangs über meinen Mangel an Führungswissen beunruhigt war, dann aber gesehen hat, dass ich mich den Aufgaben gestellt habe, also mit der Zeit den Aufgaben immer mehr gewachsen war. Das war ein tolles Kompliment.

Gründern mangelt es zu Beginn der Tätigkeit oft an der Augenhöhe mit Verhandlungspartnern. Wie verschafft man sich als Gründer Respekt?

Problemlösungen schaffen Respekt. Oft gibt es im Managementteam jemanden, der den Geldgebern fortwährend von den aktuellen Problemchen berichtet, statt erst einmal selbst an der Lösung zu arbeiten. Das schafft nichts als Unruhe und Zweifel am Managementteam. Es ist eine schwierige Balance, den Zeitpunkt zu finden, bis zu dem die Unternehmer das Problem erst einmal aus der Welt schaffen sollten und ab wann sie z.B. die Investoren hinzuziehen sollten. Diese Kompetenz zu stärken ist einer meiner Schwerpunkte. Es ist damit wie Gehen lernen, „von Fall zu Fall“. Mit jedem gelösten Problem wächst das Vertrauen, dass ich es kann. Hier hilft also vor allem die Praxis und eben der Mut zur Entscheidung.

Was ist deine Lieblingsfrage, die du in Unternehmen stellst?

„Was verlieren wir, wenn wir das versuchen?“ Ich erlebe es sehr häufig, dass ich auf Widerstände stoße, weil „ein bestimmter Punkt sowieso von den Verhandlungspartnern abgelehnt werden wird“. Die Wahrheit aber ist, dass wir in den meisten Fällen nichts verlieren, sondern schlimmstenfalls nichts, meist aber wenigstens etwas gewinnen. Dann doch lieber machen! Ein Beispiel: Es gab Drittmittel für ein Projekt, in dem alle Schritte bereits erfolgt waren, ein weiterer Mittelabruf also nicht möglich war. Im Topf waren aber noch mehrere hunderttausend Euro. Ich habe also gesagt: „Warum fragen wir nicht, ob wir die umwidmen können?“ Fast schon mitleidig wurde mir beschieden: „Das können wir nicht! Das wird sowieso abgelehnt. Wir kennen uns da aus“. Also habe ich gefragt, was wir verlieren, wenn wir es versuchen? Schließlich haben wir gefragt und die Förderstelle war begeistert von unseren Ideen. Selbstverständlich haben wir das Geld bekommen. Also einfach versuchen und nicht von vorne herein ein Projekt zum Scheitern verurteilen, indem ich sage „da gibt es keine Chance, ich versuche das nicht!“Aus meiner Erfahrung heraus tritt der „worst case“ fast nie ein, der Versuch lohnt also immer.

Gibt es eine Art Fahrplan für erfolgreiche Unternehmensgründung? Was wären Punkte, die Du in eine solche Roadmap unbedingt hineinschreiben würdest, um gängige Fehler oder Probleme zu vermeiden?

Da gibt es keine Schablone, aber ein paar grundsätzliche Tipps: Bei der Gründung sollte man wirklich nur den Personen Anteile geben, von denen man weiß, dass sie wichtig sind und vor allem dabei bleiben werden. Wenn Mitgründer sich früh operativ verabschieden, bleiben sie trotzdem über ihre Anteile am Erfolg beteiligt. Das kann die verbleibende Mannschaft durchaus verbittern. Das habe ich öfter gesehen. Besser ist es, verbindlich Anteile in Aussicht zu stellen, wenn klar ist, dass das Team gemeinsam durch dick und dünn geht und sich versteht. Nach der Gründung ist es die Diskussions- und Streitkultur, die dem Fortschritt und der Problemlösung dienen muss. Sonst ist sie nur destruktiv und führt zum Stillstand. Ich erlebe immer wieder, wie viel Potenzial und Arbeitskraft ich bei den Personen freisetzen kann, wenn sie aufhören, ohne Fortschritt zu streiten und mit Schuldzuweisungen aufhören, einfach, weil Probleme angegangen und beseitigt werden. Glaube mir, die Leute schlafen dann auch wieder besser.

Welche Eigenschaften sollte ein Unternehmensgründer deiner Meinung nach mitbringen und welche Fähigkeiten wären gut sich anzueignen, wenn das Abenteuer gelingen soll?

Bescheidenheit insofern, als der Gründer selbst nur einen Teil der Aufgaben lösen kann. Anders ausgedrückt: Vertrauen in fähige Mitarbeiter zu haben und die Fähigkeit, diese zu motivieren mit einem zusammenzuarbeiten.

Außerdem: Das eigene Tun in Frage zu stellen und einen besseren Weg zu suchen, wenn es nicht richtig weitergeht. Das setzt voraus, dass ich in einem Umfeld agiere, das offene Diskussion und Kritik zulässt. Dann sollte ich auch den Mut haben, eine falsche Entscheidung zuzugeben und Korrekturen vorzunehmen.

Transparenz und Ehrlichkeit sind besonders entscheidend, wenn sich Strategien ändern, damit diese auch nachvollziehbar sind.

Es braucht den Willen nicht still zu stehen, Spaß an der Veränderung, Mut zur Konfrontation und die Bereitschaft sich von Lieblingsprojekten zu verabschieden, wenn sie nicht zum Erfolg der Firma beitragen. Klingt vielleicht einfach, ist es aber nicht.

“Dafür gibt es die Aussicht auf einen niemals langweiligen Job und darauf, sein eigener Chef zu sein und vor allem vielleicht etwas Gutes mit den Produkten zu bewirken. Also etwas zu hinterlassen, was es ohne einen nicht gegeben hätte.”

In Deutschland haben wir keine Kultur des erfolgreichen Scheiterns. In USA ist das anders. Hast Du aus Deiner Erfahrung heraus den Eindruck, dass gescheiterte Unternehmer in Deutschland wieder auf die Beine kommen? Anders gefragt: Gibt es in Deutschland genug Gründergeist?

Wenn man den Statistiken trauen darf, nimmt der Gründergeist ab. Aber ob dem wirklich so ist, weiß ich nicht. Es heißt ja auch oft, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit nähmen ab. Ich bemühe mich immer nach Kräften, diese trostlosen Aussichten am eigenen Leibe nachzuvollziehen und treffe auf so viele nette, hilfsbereite Menschen in allen Teilen Deutschlands und anderen Ländern. Und so hoffe ich auch, dass der Gründergeist doch besser ist, als es die Demoskopen unken. Denn ohne ihn gäbe es auf Dauer keine Zukunft. Dass der gescheiterte Gründer beim nächsten Versuch Entscheidendes besser macht, ist sicherlich richtig. Daher bleibt nur zu hoffen, dass er in Deutschland wertgeschätzt wird. Ich denke, ganz so schlimm wie vor 10 oder 20 Jahren ist das auch nicht mehr. Wenn die Persönlichkeit stimmt, wird es eine zweite Chance geben.

Was sind deine wichtigsten Tipps für Menschen, die mit der Selbstständigkeit liebäugeln, sich aber nicht trauen, den ersten Schritt zu tun?

Zuerst sollte die Gründerin oder der Gründer schauen, ob das Produkt etwas ist, das wirklich gebraucht wird. Also: gibt es einen ausreichenden Markt? Dann schauen, ob es erfahrene Gründer gibt, mit denen das Unterfangen durchgesprochen werden kann. Wenn es niemanden interessiert, sollte ich in mich gehen… Aber in der Regel wird es Interesse geben mit hilfreichen Tipps, Adressen aus dem Netzwerk, z.B. von Geldgebern und so weiter. Das Gründen selbst ist ja nicht so schwierig. Darüber hinaus gibt es ja auch ausreichend Gründungsprogramme wie Go-Bio oder m4-award. Einen Businessplan sollte ich frühzeitig erstellen und zwar nicht nur für Investoren, sondern auch für mich selbst. Dann wird mir klar, wie viel Geld, welche Zeit, welches Team es braucht, welchen Wettbewerb es gibt, bevor ich den Traum verwirklichen kann. Wenn alles passt, dann sollte gegründet werden. Notfalls muss das Projekt auch scheitern dürfen. In der GmbH ist das auch nicht der Weltuntergang. Wenn ich formale Dinge beachte, gilt ja die «beschränkte Haftung», eben damit Menschen sich leichter trauen, zu gründen. Manchmal merken angehende Gründer auch, dass sie doch lieber an der Universität bleiben und niemanden finden, der für sie die Unternehmensführung übernehmen will. Dann wird es das schöne Produkt nie geben. Aber das ist dann eben auch gut überlegt und in sich richtig. Denn Unternehmen gründen und Gründer/-in sein fordert ganz und gar.

Vorgestellt – Dr. Reimar Schlingensiepen

Dr. Reimar Schlingensiepen, Themeos Unternehmensberatung, ist Arzt mit 30 Jahren Erfahrung in der Medizin und der biopharmazeutischen Industrie und Medizintechnik, sowohl als Gründer und Manager zahlreicher Unternehmen, als auch als Studienarzt und in der Notfallmedizin. Er ist als Interimmanager, (Interim-)CEO, Coach und Unternehmensberater in der pharmazeutischen Industrie tätig. Schwerpunkte sind Unternehmensführung, Krisenmanagement, klinische und präklinische Forschung & Entwicklung, Verhandlungen, Mitarbeiterführung sowie Lehre und wissenschaftliche Vorträge.

Dr. Schlingensiepen ist per Mail erreichbar unter info@themeos.de.

Die Themeos Unternehmensberatung im WWW: https://themeos.de/

Dieses Interview ist Teil meiner Serie “Im Gespräch mit…” von und für Menschen die inspirieren, vernetzen, verändern und eine positive Einstellung ins Leben tragen.

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6 Dinge, die ich mir (als Selbstständige) nicht mehr antue

 Der Wecker klingelt und noch bevor ich die Augen aufschlage, rattert mein Hirn einem Uhrwerk gleich los: „Welche Termine stehen heute an? Worauf muss ich mich vorbereiten? Was darf ich auf keinen Fall vergessen? Mit wem muss ich mich abstimmen?“ Dazwischen huscht ein Gedanke, eine kreative Idee die mein Unterbewusstes im Schlaf produziert hat. Schnell aufschreiben, sonst ist sie wieder weg! Beim Frühstück scrolle ich durch die Headlines der wichtigsten Medien und checke meine Mails. Kurz darauf – ich bin gerade im Bad – klingelt der Postbote. Noch mit der Zahnbürste im Mund sprinte ich zum Türöffner und stolpere dabei über den Hund. Bruno hat einen siebten Sinn für Tage an denen ich das Haus verlasse – dann legt er sich im wahrsten Sinne des Wortes quer. Leicht gequält schlüpfe ich ins schicke Schuhwerk und steuere mein Auto sehenden Auges in den Stau auf der A5.

Kommt dir das bekannt vor? Auch wenn wir in jüngster Zeit nicht im Stau, sondern im Home-Office enden, wo wir für Stunden über Zoom ein Dauerlächeln aufsetzen und vor dem Rechner den Wirbelsäulenschaden zementieren. Ich wage die Prognose,  dass die meisten von uns Routinen etabliert haben, die wir wenig hinterfragen, die uns bei genauer Betrachtung aber gar nicht gut tun.

Als mir klar wurde, wie toxisch viele meiner Verhaltensweisen für meine Tagesform – und übrigens auch für meine Kommunikation – sind, habe ich bewusst mit Veränderung begonnen. Ich bin in einem Transformationsprozess der positive Effekte zeigt, was mich ermutigt, dies heute mit dir lieber LeserIn zu teilen.

Hier also die 6 Dinge, die ich mir nicht mehr antue – und meine Alternativen:

I. Der Sprint in den Arbeitstag

Es erschien mir die längste Zeit praktisch, dass mein Kopf sofort im Arbeitsmodus ist, sobald ich die Augen aufschlage. Nicht selten hieß dies sogar „der erste Weg führt vom Bett an den Schreibtisch“. Dies hat allerdings von vorne herein verhindert, dass ich im hier und jetzt ankomme. Ich nahm weder wahr wie sich mein Körper beim Aufwachen fühlt, noch was um mich herum vorgeht.

Wo zwickt es? Würde ein Strecken und Räkeln mir jetzt gut tun? Wie ist das Wetter vor dem Fenster? Das sind Fragen die ich mir jetzt als Erstes stelle. Und wenn ich schon darüber nachdenken muss wen ich heute sehe, dann verknüpfe ich das mit der Überlegung, wie ich positiv in dieses Treffen gehen kann.

Ich stehe inzwischen freiwillig 30 Minuten früher auf, um vor dem Frühstück Yoga-Übungen oder eine Meditation zu machen. Die Ruhe die sich dabei in mir ausbreitet nehme ich mit in den Tag. Das wirkt sich nicht nur auf mich aus, sondern überträgt sich auch auf Menschen, mit denen ich zusammentreffe. Dazu gleich etwas mehr.

Ich habe also immer noch eine Morgenroutine, diese sieht allerdings deutlich anders aus. Sie setzt auf Körperbewusstsein, positive Grundeinstellung und Konzentration auf das was gerade ansteht, statt mit dem Kopf permanent in der ungewissen Zukunft zu sein.

II. Der Knebel der Verkleidung

Hast du auch schon einmal gedacht, dass du für deinen Job in eine Art Verkleidung schlüpfst? Das kann hilfreich sein, denn das Äußere unterstreicht unsere Rolle, die wir annehmen, wenn wir auf Business-Modus umschalten. „Kleider machen Leute“ gilt eben besonders im Job. Was aber, wenn die Verkleidung zur Tortur wird?

Ich bin einmal auf dem Weg zu einer Pressekonferenz mit spitzen Absätzen im Gitterrost eines Eingangsportals hängengeblieben und habe damit nicht nur einen „Stau der Mächtigen“ provoziert, sondern mir auch – beim Versuch die peinliche Situation mit wildem Aktionismus zu beenden – besagten Absatz abgerissen. Das Humpeln danach hatte nur wenig damenhaftes.

Hochhackige Schuhe mögen eine tolle Wade formen und mich 8 cm größer machen, aber wenn ich mich darin nicht wohl fühle, wirkt sich das auf meine Körpersprache aus. Diese kommt beim Gegenüber an, noch bevor ich den Mund aufmache. Heute bewege ich mich auf bequemen flachen Schuhen. Ich bin darin nicht weniger souverän und mein Orthopäde ist begeistert.

Ich habe in einer längeren Übergangsphase meine Garderobe einem „Bequemlichkeitscheck“ unterzogen. Dem sind etliche sehr elegante, aber zwickende Kleidungsstücke zum Opfer gefallen, als mir klar wurde:

Wer nicht vernünftig Luft holen kann, dem fehlt auch der lange Atem, um die eigenen Argumente schlüssig vorzutragen.

Und schließlich nehme ich mir inzwischen die Freiheit den „grau-schwarz-weiß“-Büroduktus zu durchbrechen. Ich war schon immer eine Liebhaberin der Farbe „bunt“. Das hat mir zwar gelegentlich den Ruf des „Buntspechts“ eingebracht, aber damit bin ich wenigstens unverwechselbar.

III. Die Pein vermeidbarer Zeitfresser

Die Abstimmung mit Kunden, Mitarbeitern oder Kooperationspartnern kostet uns Selbstständige viel Zeit, die uns für die Umsetzung unserer Projekte fehlt. Damit wird Priorisierung zur KönigsdisziplinIch verabschiede mich nach und nach von Zeitfressern, bei denen ich gequält auf die Uhr schaue und hoffe, dass es bald vorbei ist. Meetings sind ein gutes Beispiel: Als Angestellte habe ich häufiger Meetings abgesessen, weil erwartet wurde, dass ich dort anwesend bin. Ich erspare mir heute viel Zeit und meinen Kunden  Kosten damit, dass ich im Vorfeld abkläre, bei welchen Besprechungen ich eine aktive Rolle habe. Wird mir aus der Agenda nicht verständlich worin mein Beitrag zu der Veranstaltung besteht, sage ich ab. Merke ich erst später, dass ich hier nicht richtig bin, klinke ich mich höflich aus. Oder ich komme nur zu bestimmten Agendapunkten dazu.
Solche Zeitfresser zu eliminieren halte ich nicht nur für fair dem Kunden gegenüber, es macht mich selbst glücklicher, weil ich im gewonnenen Freiraum ein messbares Ergebnis erzielen kann. 

IV. Der Kalender als Folterinstrument

Es ist in meinen Augen ein Missverständnis, dass Selbstständigkeit gerne mit dem Wortspiel selbst und ständig beschrieben wird. Das ist eine Haltung die wir – wenn wir dauerhaft durchhalten wollen – nicht von außen übernehmen sollten. Dazu braucht es Disziplin und einen Kalender, der uns Lust auf den Tag macht.

Ich habe mir angewöhnt „Me-Time“ in meinen Kalender zu integrieren, damit der Chat mit der Freundin, der Sport oder einfach mit einer Tasse Tee auf den Balkon hinauszutreten auch in stressigen Phasen möglich ist. Wenn Zeiten für Besorgungen oder Arztbesuche wie selbstverständlich im Kalender integriert sind, hinterfragt man sie nicht mehr. Das setzt allerdings voraus, dass ich sie nicht bereitwillig der nächsten Gelegenheit opfere.

Gleiches gilt übrigens für die Mittagspause. Ein guter Moment, um einmal wieder zu überprüfen, wie sich mein Körper fühlt und was er braucht. Vielleicht ist neben dem Snack auch ein bisschen frische Luft angesagt.

Und schließlich blockiere ich mir “Kreativzeiten”, zu Tageszeiten in denen mein System auf vollen Touren läuft, für konzentriertes strategisches Arbeiten oder zum Lösen besonders kniffliger Aufgaben.

Inzwischen gestehe ich mir auch ein, dass es Dinge gibt, für die ich kein Händchen habe oder für die ich viel zu lange brauche. Den Beruf des virtuellen Assistenten habe ich erst kürzlich für mich entdeckt. Eine VA kann theoretisch jede Aufgabe übernehmen, die via Internet erledigt werden kann, von der Administration über Transkription bis hin zu Webdesign. Manche bieten ein breites Portfolio, andere haben ein Spezialgebiet.
Im nächsten PICUS-Newsletter stellt sich übrigens eine VA vor, mit der ich schon sehr gut und erfolgreich zusammengearbeitet habe. Falls du noch nicht zu den AbonnentInnen gehörst, kannst du das jetzt nachholen.

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V. Permanente Erreichbarkeit

Im internationalen Geschäft ist immer irgendwo Tag, so dass Mails 24/7 hereinkommen. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mit so mancher aus der Hüfte geschossenen Antworten zu nachtschlafender Zeit mehr Porzellan zerschlagen, als Probleme gelöst.

So gesellt sich zu meiner Morgenroutine inzwischen eine Abendroutine. Zu dieser gehört es, die Funktion meines Mobiltelefons zu nutzen, mit der ich jede Form der Benachrichtigung abschalten kann. Zwischen 21 und 8 Uhr ist Ruhe: Keine Anrufe und keine Töne bei Maileingang oder Social Media-Aktivitäten. Zugegeben, an manchen Tagen muss ich mich dazu zwingen, nicht trotzdem einen Blick auf das Display zu werfen. Trotzdem ist die Funktion ungemein hilfreich. Räumliche Distanz tut ein Übriges: Das Mobiltelefon hat Schlafzimmerverbot.

Ich beende meine Tage gerne mit Journaling. Dazu habe ich einen Jahreskalender in den ich wenige Zeilen für jedes Datum eintragen kann. Ich bemühe mich dabei die positiven Ereignisse des Tages hervorzuheben und Aspekte zu finden, für die ich dankbar bin. Das bringt mich in eine positive Grundstimmung für die Nacht.

Für den Fall, dass mein unruhiger Geist vor dem Einschlafen noch Ideen produziert, habe ich einen Notizblock auf dem Nachttisch. Ein Stichwort muss genügen. Damit ist der Gedanke für den nächsten Tag „geparkt“ und ich kann ihn loslassen.

Als letzte Übung vor dem Schlafengehen mache ich den „Bodyscan“. Das ist eine Yoga-Übung bei der man im Geiste alle Körperteile abtastet, ohne die Befindlichkeiten darin zu bewerten. Ich komme inzwischen nicht einmal bis zum Bauchnabel, dann bin ich schon in die Traumwelten abgetaucht. Alleine der Beginn der Übung scheint meinem Gehirn zu signalisieren, dass Schlaf erwünscht ist.

VI. Konfrontative Kommunikation

Jeder hat schon einmal eine Gesprächssituationen erlebt, in der er sich unterlegen, missverstanden, hilflos oder gar misshandelt gefühlt hat. Mein “Tiefpunkt” in diesem Zusammenhang war ein Telefonat mit einer Dame, die den Versuch meine Expertise in ihr Projekt einzubringen klar als Angriff auf ihre Kompetenz interpretierte. Das hast sie so in Rage gebracht, dass sie ihre Argumente nur noch schreiend hervorbringen konnte. Ich habe ihr erklärt, dass sie mich gerne wieder anrufen kann, wenn sie sich beruhigt hat – und habe aufgelegt. Distanz ist ein legitimer Weg, um sich aus einer unangenehmen Gesprächssituationen zu befreien. Die Frage ist, hätte es überhaupt so weit kommen müssen?

Ein altes Sprichwort sagt, „wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.“ Ich habe lange gebraucht, um die Bedeutung dieser Weisheit wirklich zu verstehen. Meine Gesprächspartner spiegeln mein Verhalten! Es kommt also ganz auf die innere Einstellung an, mit der ich in eine Unterhaltung gehe. Das fällt uns natürlich besonders leicht bei Menschen, die uns sympathisch sind, mit denen wir gerne zusammenarbeiten, die hilfsbereit und auskunftswillig sind. Um von der Einsicht zu profitieren, ist es also sehr viel hilfreicher, sich auf Gespräche positiv einzustimmen, die einen ungewissen Ausgang erahnen lassen, oder vor denen wir uns gar fürchten, weil uns das Gegenüber Angst einflößt. Solche Gespräche brauchen Vorbereitung.

Kommunikation ist eine Kunst, die man trainieren kann. Sie beginnt im Kopf, mit einem positiven Mindset.

Wenn ich mir zum Beispiel vorstelle, wie der Kunde vor unserer Unterredung seine Kinder zur Schule bringt und sie zum Abschied umarmt, oder wenn ich mir ins Gedächtnis rufe wie freundlich der Mitarbeiter mit dem ich es gleich zu tun habe neulich mit seiner Assistenz umgegangen ist, dann macht das etwas mit meiner inneren Einstellung. Die Neurowissenschaft kann sogar mit Studien belegen, dass bei jedem Zusammentreffen in unserem Gehirn eine Kaskade unbewusster Reaktionen abläuft. Dahinter steht der Versuch einzuordnen wie das Gegenüber gerade drauf ist, was für Absichten es hat, welche Ziele es verfolgt. Wenn ich mir die Zeit nehme diese Unterredung nicht nur inhaltlich, sondern auch emotional zu planen, dann kann ich die Kaskade bei meinem Gegenüber beeinflussen. Die Visualisierung des freundlichen Ablaufs eines Dialogs vor dem Zusammentreffen wirkt sich auf beide Gesprächspartner aus und bereitet den Boden für eine gute Gesprächsatmosphäre. So werde ich zum Beispiel nicht mehr als überrumpelnd, brüsk oder dogmatisch wahrgenommen, sondern als konsensorientiert und empathisch.

Das positive Mindset ist die Eintrittskarte zu guter Kommunikation.  Einfühlungsvermögen erhält sie aufrecht. Wichtig ist, dass ich sowohl meine eigene, als auch die Situation des anderen im Blick behalte. Wir haben alle die gleichen Bedürfnisse: Wir wünschen uns eine gute Lebensqualität und wollen gesehen werden. Dies zu respektieren ist ein wichtiger Schlüssel, wenn es darum geht, mit Kommunikation etwas zu erreichen.

Die Lehre der „gewaltfreien Kommunikation“ wurde entwickelt, um uns die Möglichkeit zu geben, aus gewohnheitsmäßiger, automatischer, lebensentfremdender Kommunikation wieder einen Prozess mit bewussten Antworten zu machen, der von respektvoller Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit geleitet ist. Dabei kommt es darauf an unsere Ausdrucksweise und unser Zuhören durch die Fokussierung unseres Bewusstseins umzugestalten. Der „Vater der GFK“, Marshall B. Rosenberg, hat seinen Ansatz in 4 Schritte unterteilt, die uns auch dabei helfen Konflikte zu lösen: Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten.  Sein Standardwerk „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ geht auf alle 4 Bereiche im Detail ein und arbeitet mit vielen Beispielen. Da verstandenes Wissen erst durch Übung zu gelebtem Wissen wird, möchte ich dir die Seminare von Markus Rossmann empfehlen. Er ist spezialisiert auf gewaltfreie Kommunikation und systemisches Konsensieren. Du erreichst ihn per Mail unter: m.rossmann@mitwirksam.de  oder im Netz unter www.mitwirksam.de.

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Mich würde interessieren, welche Gesprächssituationen du in deinem Business als besonders herausfordernd erlebst. Sind es bestimmte Zielgruppen, an denen du dich abarbeitest? Welche Kommunikation hingegen empfindest du als bereichernd? An welcher Stelle hast du dazugelernt? Was hat dir dabei geholfen?  Ich bin gespannt auf deine Kommentare!

 

Dicke Bretter bohren war noch nie so einfach: Strategische Business-Kommunikation

Gute Vorsätze zum Jahresanfang waren gestern – der neue Trend, um auf die eigenen Ziele zu fokussieren, heißt „Wort des Jahres“. Einer der Themenschwerpunkte 2021 für Euch als Selbstständige und Unternehmer ist die planvolle, zielgerichtete Kommunikation nach außen. So habt ihr es mir erzählt und so schlage ich als Wort „Kommunikationsstrategie“ vor.
Vielleicht nicht besonders sexy, aber trotzdem clever, wenn Ihr das was zu Eurem Spezialgebiet erzählt wird nicht der Konkurrenz oder gar dem Zufall überlassen wollt. Vielleicht stehst Du mit Deinem Herzensbusiness erst am Anfang. Dann ist es gut, wenn Du Deine Kommunikation von Beginn an professionell aufstellst. Aber auch wenn Du schon länger dabei bist, ist es nie zu spät für eine Bestandsaufnahme und Verbesserung. Wir werden dieses dicke Brett heute in ein 6-Punkte-Programm für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit zerlegen (Link zur PDF-Anleitung als eBook – findest Du auch noch einmal am Ende des Beitrags ;o)

1. Zielgruppenanalyse – Lege Dich fest, mit wem Du kommunizieren willst

Geplante Kommunikation ist zuschnitten auf einen definierten Personenkreis. Die Wahrheit ist, Menschen müssen motiviert sein Dir zuzuhören, sonst gehen Deine Botschaften im Hintergrundrauschen unter. Daher wähle Dein Publikum, damit Deine Energie nicht verpufft. Eine Auswahl scheint im ersten Moment vielleicht offensichtlich, ist aber keinesfalls trivial, denn bei näherer Betrachtung wirst Du feststellen, dass der Kreis Deiner potenziellen Gesprächspartner weit größer ist als Deine Kunden – und selbst diese kannst Du in Segmente einteilen, die jeweils eigenen Interessent folgen. Denke über Dein Produkt oder Deine Dienstleistung hinaus, ziehe Deinen Standort in Betracht, beziehe Menschen mit ein, die erfolgreich mit Dir zusammenarbeiten. Frage Dich von wessen Gunst Dein Unternehmenserfolg gegebenenfalls abhängt und wen Du überzeugen musst, um Deine Ziele zu erreichen. Und schließlich gibt es Mitstreiter, Weggefährten, VIPs oder Influencer, die bei der Verbreitung Deiner Neuigkeiten hilfreich sind. Sie kontinuierlich zu informieren ist ein Eckpfeiler strategischer Kommunikation.

2. Unternehmensziele und Projektideen – aus der Perspektive Deiner Zuhörer formuliert

Wir neigen dazu in der Business-Kommunikation das „ich, mein, wir, uns“ zu betonen. Das passiert automatisch, weil wir uns täglich mit unseren Themen und Angeboten beschäftigen. Wenn wir für unsere Ideen brennen, gehen wir davon aus, dass es auch andere tun. Allerdings:

“Menschen hören uns viel lieber zu, wenn das was wir zu sagen haben, mit ihrem Leben etwas zu tun hat.”

Stelle Dir also vor Du würdest Dich mit einem Freund unterhalten. Dieses Gespräch würdest Du eher mit der Frage beginnen: „Wie geht es Dir heute?“ Frage Dich also bei der Formulierung Deiner Unternehmensziele und Projektideen auf welche Weise Dein Angebot das Leben der Menschen verändert, welche Bedürfnisse gestillt werden oder ob Dein Tun einem höheren Zweck dient. Formuliere Deine Ziele so, dass Dein Gegenüber darin einen Wert für sich erkennt.

3. Kommunikationsziele – Messbare Größen im Dienste Deines Herzensbusiness

Wenn Du Deine Unternehmensziele für Dich klar siehst, kannst Du im nächsten Schritt daraus Deine Kommunikationsziele ableiten. Eines gleich zu Beginn: „Ich möchte berühmt werden!“ Oder „Ich brauche dringend mehr Umsatz!“ sind verständliche Anliegen, aber keine Kommunikationsziele. Letztere haben einen festen zeitlichen Rahmen, sind messbar, beziehen sich auf einen konkreten Aspekt der für Dich im Fokus steht und sind durch Kommunikation unmittelbar zu beeinflussen. Ein aktuelles Beispiel für ein Kommunikationsziel aus der Gesundheitsbranche wäre: „Die Europäische Zulassungsbehörde erteilt dem Biontech-Impfstoff gegen Covid-19 die Marktzulassung noch im Jahr 2020.“ Kommunikationsziele sind Deine Richtschnur für die Taktiken die Du Dir ausdenkst und gleichzeitig der Gradmesser für den Erfolg Deiner Kommunikation. Darauf kommen wir gleich noch einmal zurück.

4. Botschaften – Definiere die Kerninhalte Deiner Kommunikation

Erfolgreichen Unternehmen gelingt es mit klar formulierten
 Botschaften den Wert ihrer Marke auf verschiedenen Wegen (Boten) zu transportieren. Ziel ist es, Menschen anzusprechen, die diese Werte teilen. So entsteht Markenbindung.

“Deine Botschaften sind der Kitt zwischen Deinem Unternehmenskern und den Bedürfnissen Deiner Zielgruppen.”

Sie laden dazu ein, eine positive Erfahrung zu machen. Gut formuliert erzeugen sie ein stimmiges Bild in den Köpfen Deiner Zielgruppen. Gute Botschaften basieren auf Fakten und überzeugen gleichzeitig, weil sie Emotionen auslösen. Deine Botschaften betonen Dein Alleinstellungsmerkmal. Sie führen zur Differenzierung gegenüber Deiner Konkurrenz. Sie zeigen also, wo Du einzigartig und warum du besser bist. Botschaften bieten Deinen Zielgruppen die Möglichkeit sich mit Dir und Deinem Angebot zu identifizieren. Achte darauf, dass du Vertrauen aufbaust, z.B. indem du glaubwürdig und transparent bist. Zeige dich offen und authentisch. Punkte 
mit Erfahrung. Wenn es zu Dir passt, sprich über soziale Verantwortung. Damit Botschaften Deine Zuhörer und Dich nicht überfordern – denn Du solltest sie Dir merken können! – gilt es ein paar Regeln bei der Formulierung zu befolgen, die ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben habe. Hier kannst Du Dir den Blogbeitrag dazu anschauen.

Ein Satz von 5 Kern-Botschaften pro Zielgruppe sind ein guter Anfang. Lege Dir am Besten eine Tabelle an, in die Du sie einträgst, damit Du sie schnell parat hast, wenn Du sie brauchst z.B. vor einem Interview oder bei der Vorbereitung einer Rede.

5. Kommunikation in Aktion – Deine Zielgruppen zum Handeln auffordern

Du weißt jetzt mit wem Du worüber mit welchem Ziel sprechen willst. Schon stellen sich die nächsten Fragen: Mit welchen Mitteln, auf welchen Kanälen und zu welchem Zeitpunkt adressiere ich meine Zielgruppen? Welche Maßnahme eignet sich für wen? Brauche ich eine Webseite und muss ich gleichzeitig auf Social Media aktiv sein? Diese Fragen lassen sich nicht generell beantworten, denn sie sind stark mit Deinen Zielen, Deinen Gesprächspartnern und natürlich auch mit Deinen zeitlichen Ressourcen und deinem Budget verknüpft. Die Bandbreite der Maßnahmen reicht vom Pressetext, über Videos bis hin zur Großveranstaltung. Auf wirkungsvolle Einzelmaßnahmen, besondere Instrumente und wichtige Kanäle werden wir im Laufe des Jahres 2021 in diesem Blog näher eingehen. Wichtig ist, dass Du Dir das Grundprinzip klarmachst:

Gute kommunikative Maßnahmen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie sich der modernsten Technik bedienen, fancy oder teuer sind, sondern, dass sie Wirkung zeigen! Voraussetzung dafür ist, dass sie einen „call to action“ beinhalten. Deine Kommunikation – über welchen Weg auch immer – bewegt Menschen etwas zu tun. Das kann das Abonnement Deines Newsletters sein, ein bestimmtes Abstimmungsverhalten oder der Kauf Deines Produkts oder Deiner Dienstleistung. Erfolgreiche PR-Maßnahmen sind aufmerksamkeitsstark und werden dadurch geadelt, dass sie Menschen mit gleichen Interessen miteinander vernetzen. Wenn diese Deine Idee durch ihr Handeln in eine größere Sache verwandeln, bist Du in der Königsklasse angekommen.

Bevor Dir nun der Angstschweiß ausbricht ob der schieren Größe des Vorhabens, lass Dir gesagt sein, dass Du nicht alleine bist. In der Kommunikation haben wir zahlreiche Helfer. Zum einen sind dies Menschen, denen viele andere zuhören, sogenannte Multiplikatoren. Zum anderen gibt es einen ganzen Berufszweig der davon lebt Nachrichten zu verbreiten –  den Journalismus! Wie Multiplikatoren Dich bekannt machen, darüber habe ich in diesem Beitrag laut nachgedacht. Die 4 sicheren Wege, um in die Medien zu kommen findest Du hier.

6. Evaluation – Sich im Erfolg sonnen und aus Fehlern lernen

Zu strategischer Kommunikation gehört, dass Du überprüfst, ob das was Du sagst und tust Deinen Zielen dient. Das setzt voraus, dass Du messbare Kommunikationsziele definiert hast und diese Parameter auch ehrlich und zeitnah nach einer Kampagne überprüfst.  Zu den gängigsten Erfolgsfaktoren (KPIs) in der PR gehört beispielsweise die Auflage oder Reichweite von Print-Medien. Damit kannst Du abschätzen, wie groß der Kreis der Menschen ist, die Du mit Deinen Botschaften erreicht hast. Das wäre also ein quantitativer Erfolgsfaktor. Ein qualitativer Erfolgsfaktor hingegen wäre, wenn Du überprüfst welche Botschaften der Journalist nach Deinem Interview in seinen Artikel aufgenommen hat und ob Du richtig verstanden wurdest. Andere KPIs wären z.B. die Verweildauer oder die Klickrate für Artikel auf Deiner Webseite. Auch Shares und Likes auf Social Media sagen etwas darüber aus, ob Deine Inhalte bei Deinen Zielgruppen ankommen. Bei Großveranstaltungen kannst Du das Feedback der Besucher z.B. über Fragebögen erfassen. Wichtig ist, dass Du verpasste Erfolgsfaktoren nicht als Niederlage begreifst, sondern als Chance zur Verbesserung siehst, denn wir lernen sehr viel mehr aus unseren Fehlern.

Ob Du es glaubst oder nicht, ich kann hören was Du jetzt denkst! „Das war ja ganz nett, aber irgendwie zu theoretisch.“ „Innovative Kommunikation habe ich mir spannender vorgestellt.“ „Und wie passe ich das jetzt praktisch auf meine Situation an?“ Wenn Dir das oder ähnliches durch den Kopf geht und Du gerne tiefer in das Thema Kommunikationsstrategie einsteigen möchtest, dann habe ich einen Tipp für Dich:

Meinen Ratgeber „In 8 Schritten zum Kommunikations-Profi“.

In diesem umfassenden Werk – in das ich meine Erfahrung aus 20 Jahren Kommunikationsberatung hineingepackt habe – findest Du die Schritte zur erfolgreichen Kommunikation nicht nur sehr viel ausführlicher, sondern auch mit zahlreichen anschaulichen Beispielen illustriert. PLUS: Zu jedem Kapitel gibt es praktische Übungen, mit denen Du das Gelernte gleich auf Deine Situation anwenden kannst. Meine Anleitung zum PR-Profi ist fast geschenkt, aber definitiv nicht umsonst!

Hier kannst du mein eBook direkt herunterladen!

Du bist motiviert dranzubleiben, aber wünschst Dir direkte Beratung? Dann ist mein Workshop „Strategische Kommunikation“ genau das Richtige für Dich. Ich erstelle Dir auf Anfrage gerne ein individuelles Angebot.

In jedem Fall wünsche ich Euch gutes Gelingen für die Jahresplanung 2021! Und wenn Ihr Euer Wort des Jahres schon gefunden habt, dann teilt es doch gerne mit uns in den Kommentaren.

Eure

 

 

 

 

 

 

Worauf wir uns verlassen können – 4 Trends die das nächste Jahr prägen

Viele von Euch werden an den Feiertagen mit einem großen Seufzer in den Sessel fallen und sich fragen, wie sie das eigentlich alles geschafft haben, was uns dieses Jahr – das zweifelsohne in die Geschichtsbücher eingehen wird – abverlangt hat. Eines ist sicher: Wir alle haben – gewollt oder ungewollt – eine hohe Lernkurve hingelegt und uns den Veränderungen angepasst. Und auch wenn wir den Tag feiern werden, an dem die Pandemie wirklich Geschichte ist, so wird SARS-CoV-2 eine Menge Spuren im Berufs- und Privatleben hinterlassen, die bleiben.

Was ich Euch heute anbiete, sind meine Gedanken zu den Veränderungen die permanent sein werden. Daraus lassen sich Trends für die Kommunikation von morgen ableiten.

1. Das (Er)leben ist virtuell

Die Pandemie hat verändert wie wir leben und arbeiten. Videokonferenzen geben den Takt unseres Tages vor: Teams-Meetings mit Kollegen, eine Skype-Session mit der Freundin zur Kaffeepause und am Abend Yoga über Zoom. Unser Handlungsradius um persönliche Kontakte zu pflegen oder Erfahrungen in der realen Welt zu machen ist deutlich geschrumpft. Die virtuelle Lebenswirklichkeit ist nun in jedem Haushalt angekommen, um zu bleiben. Daher müssen wir uns mit unseren Angeboten darauf einstellen. Menschen erwarten, durch die Technologie eine positive Erfahrung zu machen die Spaß bringt, in die sie über den Bildschirm eintauchen können. Das wird in Zukunft auch für die Angebote gelten, die wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit machen. Multimediales Erleben ist zwar schon länger ein Schlagwort, wird aber 2021 zusätzlich mit Leben gefüllt. Jetzt zeigt sich beispielsweise, ob Podcast, Blog oder YouTube-Kanal alleine bei den Followern bestand haben, oder nicht doch eine Kombination aus mehreren Formaten sinnvoll ist. Neue Angebote werden hinzukommen, bei denen sich Menschen an virtuellen Aktionen aktiv beteiligen können. Große Unternehmen investieren in Virtual Reality und Künstliche Intelligenz, um die Erfahrung mit dem Produkt emotional und lebensnah zu gestalten. Die Kunst wird darin bestehen, sich als Mittelständler oder Kleinunternehmer von diesem Hype nicht überwältigen zu lassen. Es geht auch eine Nummer kleiner, wenn die Idee dahinter beim Kunden ankommt. Hier ist Kreativität gefragt, um sich mit den eigenen Angeboten auf unterhaltsame Weise z.B. auch gegen Streaming-Dienste durchzusetzen.

Mit der Verlagerung der Kontakte in den virtuellen Raum wurde der Trend zur  Humanisierung der Arbeitswelt beschleunigt. Wenn Mitarbeiter monatelang aus dem Home-Office arbeiten, brauchen Führungskräfte wirksame Methoden, um das Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen aufrecht zu erhalten. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen, wenn wir Kollegen im heimischen Umfeld durch die Kamera verfolgen oder Urlaubsfotos als Hintergrundbilder der Konferenzen zu sehen bekommen. Unsere Beziehungen im Arbeitsumfeld sind dadurch authentischer als je zuvor. Diese Authentizität erwarten wir auch von Produkten und Dienstleistungen. Der Trend geht eindeutig weg vom Image als erzeugtem Bild, hin zu einer Marke die ich als echt und glaubwürdig empfinde. Dazu gehört, die Rolle der Mitarbeiter als Advokaten zu erkennen. Viele Unternehmer unterschätzen noch die Kraft der persönlichen Geschichte hinter der Personalnummer und verpassen damit eine Chance, denn Print und Online-Medien sind auf der Suche nach solchen „Influencern mit Insiderwissen“.

2. Menschen wollen Taten sehen

Wenn COVID-19 eines freigelegt hat, dann den Wunsch danach, dass alle Verantwortung übernehmen für das was passiert und sich den gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam stellen. Das gilt auch für Unternehmen. Kunden werden in Zukunft sehr viel stärker ihre Dienstleister und Marken danach auswählen, wer bereit ist Verantwortung zu übernehmen. Unternehmen müssen sich daran messen lassen, wieviel soziales Kapital sie aufbauen. Das beginnt beim Engagement für Teile der Gesellschaft und endet noch lange nicht beim Umweltschutz. Hierin steckt eine Chance für die Kommunikation, vorausgesetzt es handelt sich nicht nur um Worthülsen. Es gilt das was nachweislich bereits getan wurde, oder welche Verbesserungen und Initiativen angestoßen sind in Botschaften zu gießen, um dem Kunden-Anspruch nach mehr sozialem Unternehmertum gerecht zu werden.

3. Krisenvorbereitung ist kein Luxus

Es hat sich gezeigt, dass der Ausnahmezustand kein zweifelhaftes Privileg großer Unternehmen ist, sondern auch Einzelunternehmer, ja ganze Gesellschaften, erfassen kann. Da brechen innerhalb weniger Wochen ganze Strategien und Konzepte zusammen, Kundensegmente erodieren und erzeugen im Handumdrehen eine wirtschaftliche Schieflage. Auch wenn das eine unbequeme Wahrheit ist: Krisenszenarien ähneln sich in ihrem Wesen und ihrer Dynamik und sind daher im gewissen Rahmen planbar, selbst wenn der Auslöser eine Überraschung ist. Was ich damit sagen will: Wer zumindest eine klare Organisationsstruktur und solide Prozesse hat, die in Extremsituationen greifen, wer diesen Fall – ähnlich der Feuerwehr – in ruhigen Zeiten übt, der wird besser durch Krisen kommen. Es lohnt sich, das an COVID-19 Gelernte schriftlich festzuhalten. Für Betriebe ab mittlerer Größe heißt das auch Verbesserungspotenzial zu erkennen, einen Fahrplan für notwenige Anpassungen zu erstellen und dessen Umsetzung regelmäßig zu überprüfen. Und: Vor allem mit neuen Mitarbeitern an Bord den Ernstfall üben, üben, üben. Zu diesem Thema habe ich während des Lock-Downs einen etwas ausführlicheren Blogbeitrag geschrieben, den Du hier nachlesen kannst.

4. Der Umgang mit Falschinformation

Verschwörungstherorien, Fake News und gezielte Desinformation sind Begriffe die uns in diesem Jahr noch häufiger begleitet haben als sonst. Das Misstrauen derer, die Information und damit Kommunikation empfangen wächst. Welcher Quelle kann ich trauen? Was ist Fakt, was ist Mythos? Wer ist der wahre Experte auf seinem Gebiet? Das sind Fragen die zunehmend gestellt werden. Es ist wichtig, dass sich Unternehmer und Solo-Preneure in dieser unsicher scheinenden Gemengelage als glaubwürdige Quellen präsentieren. Dazu gehört verlässlich und transparent zu kommunizieren. Eigene Kommunikationskanäle werden an Bedeutung zunehmen. Aber auch, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Medienvertretern aufzubauen, die an echter Expertise und wahren Geschichten ein Interesse haben. Das bedeutet auch, sich die Mühe zu machen, die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht über das Stöckchen jeder Anfrage zu springen.

Wer als Unternehmer oder Selbstständiger Opfer von Desinformation geworden ist, sollte sich überlegen welche Quelle ernsthaften Schaden anrichtet. Sind die Leser des Internetportals das Kernsegment Deiner Kunden, dann lohnt es sich aktiv zu werden. Eine Analyse des Mediums sollte unbedingt der Reaktion vorausgehen, denn nicht jeder Leser ist durch Argumente zu überzeugen. Oft helfen emotionale Geschichten mehr als tausend Fakten. Agilität ist in Bezug auf Falschinformation das Schlagwort, damit Du in die Rolle des Handelnden kommst statt zu reagieren. Erstelle ein Skript mit dem Du auf gezielte Falschinformation reagieren kannst.

Das waren meine Top 4 Trends 2021. Mich würde interessieren, ob Ihr andere Schwerpunkte seht und welche das sind. Hinterlasst mir gerne Eure Ansichten als Kommentar unter diesem Post.

Wenn Euch der Artikel Fragezeichen auf die Stirn zeichnet, weil Ihr auf einmal nicht mehr sicher seid, ob Ihr wirklich gut auf das neue Jahr vorbereitet seid, dann lasst uns reden. Ich fühle Deiner Strategie für Unternehmenskommunikation, Außendarstellung, Öffentlichkeitsarbeit, PR oder wie auch immer Du es selbst nennst gerne intensiv auf den Zahn. Hier kannst Du direkt einen Termin mit mir vereinbaren.

Wenn Du in einigen Tagen Deine Pause zum Jahresende einläutest, dann wünsche ich mir für Dich, dass es eine Phase der Regeneration wird, die Du in Entspanntheit und Freude, im engsten Kreis derer die Du liebst, genießen kannst.

Sei behütet, bleib gesund und ich freue mich, wenn wir auch im nächsten Jahr wieder gemeinsam die (Arbeits-)Welt ein Stück besser machen, mit Worten und Taten.

Von Herzen alles Gute!

Eure

Heike

Leserumfrage – Welche Themen sind Euch wichtig?

Der Klassiker für das letzte Quartal, sowohl in PR-Abteilungen als auch in Redaktionen, ist die Themenplanung für das neue Jahr. Für den Redaktionsplan 2021 des PICUS Blogs wird es höchste Zeit. Ich erarbeite gerade das Konzept aus Inhalten und Darstellungsformen. Mein Anspruch ist, dass dies für Dich lieber Kunde/Leser einen Wert darstellt, für den Du bereit bist, Deine knapp bemessene Zeit zu investieren.

Diesmal gehe ich in der Vorbereitung einen anderen Weg, denn mir ist wichtig, dass meine Beiträge relevant für Dich sind, auf Deine Herausforderungen eingehen und Lösungsansätze für Deine Problemstellungen – die im Zusammenhang mit Kommunikation stehen – bieten.

Daher habe ich eine kleine Leserumfrage durchgeführt. (Es gibt inzwischen zahlreiche sehr einfach zu bedienende Tools. Sprich mich gerne an, wenn Du Dich für das Thema interessierst, oder bei der Erstellung einer Umfrage Hilfe brauchst.) Ich habe danach gefragt, welche Themen aus dem PICUS-Blog Dir wichtig sind, welche Themenwünsche Du darüber hinaus noch hast und wo Deine aktuellen Herausforderungen liegen.

Ein herzliches Dankeschön allen, die sich die Zeit genommen haben, an meiner Befragung teilzunehmen. Das ist für mich sehr wertvoll! 

Da ich ein Fan der Transparenz in der Kommunikation bin, hier eine kleine Zusammenfassung dessen, was ich aus Euren Antworten gelernt habe:

  1. Die neue Serie “Im Gespräch mit…” ist Euer Favorit. Das freut mich besonders, denn das Format ist mir ans Herz gewachsen. Bei der Wahl der Gesprächspartner dürft Ihr gerne weiter mitreden.
  2. Zwei Themen sind Euch besonders wichtig: Der strategische Aufbau von Kommunikation und die Entwicklung von Botschaften. Hier werden wir also 2021 tiefer einsteigen. Für den Anfang sei Euch zum Thema Botschaften dieser PICUS-Blog-Artikel empfohlen.
  3. Aus Euren Vorschlägen für neue Themen möchte ich zwei herausgreifen, die ich selbst spannend finde, die nicht zu meiner Kernkompetenz gehören: Unternehmensgründung und Nachhaltigkeit. Hierzu werde ich die Schwarmintelligenz aus meinem Netzwerk befragen. “Stay tuned”, da kommt was!
  4. Themen die Ihr als kommunikative Herausforderung empfindet sind Klassiker, mit denen Ihr ganz sicher nicht alleine seid: Der Kommunikationsmix zum Firmen- oder Produkt-Launch, die gezielte Kundenansprache und die Platzierung von Botschaften (z.B. in Medieninterviews).

Mit Eurem Feedback kann ich ein rundes Programm für 2021 zusammenstellen, das wirklich auf Eure Bedürfnisse einzahlt. Daher nochmals mein tief empfundenes Dankeschön!

Eure

Heike

Bildnachweis: https://de.depositphotos.com/category/nature.html “Reiseplanung ist das A und O. Zitat.”

 

Gedanken zum Welt-Menopause Tag aus dem Epizentrum des Wechseljahresgeschehens

Der 18.10. ist Welt-Menopause Tag

Dieser Tag erinnert also an die letzte Regelblutung der Frau. Autsch! Tabuthema! Aber genau deshalb gibt es diesen Tag: Weil über die Wechseljahre – diese für Frauen so kritische Lebensphase – viel zu wenig offen gesprochen wird. Nicht mit dem Partner, nicht mit der Freundin und schon gar nicht mit Kollegen. Manchmal nicht einmal mit dem Arzt. Eigentlich unverständlich, denn immerhin geht die Hälfte unserer Gesellschaft durch diese Zeit, alleine in Deutschland derzeit 14 Millionen Frauen.

Ich mag den Begriff Menopause nicht, denn da macht nichts Pause. Im Gegenteil, plötzlich ist Chaos, weil die Geschlechtshormone sich mit Pauken und Trompeten verabschieden. Mein Körper muss sich auf diese Tatsache einstellen und das dauert mehrere Jahre. Was es bedeutet in den Wechseljahren zu sein, davon kann ich ein Lied singen, denn ich bin mittendrin. Wer darauf verzichten kann mich derart persönlich kennen zu lernen, dem empfehle ich jetzt auszusteigen.

Da unsere Hormone auf so ziemlich jedes Organ und fast alle Prozesse im Körper Einfluss nehmen, ist die Liste der Dinge die aus der Bahn geraten – wenn die Hormone auf und ab tanzen – nahezu unendlich. Bei mir liest sich das so: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Schwindelanfälle, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen, Haarausfall, Scheidentrockenheit, außerdem häufigere Blasenentzündungen und Migräneanfälle. Und nicht zu vergessen Stimmungsschwankungen mit Gefühlsanwandlungen die mir bisher völlig fremd waren, Wut zum Beispiel. Zugegeben: Ich gehöre zu dem Drittel das seine Leidensfähigkeit in besonderer Weise trainieren darf. Die gute Nachricht für alle die es noch vor sich haben: 2/3 der Frauen haben nur mäßige bis gar keine Beschwerden.

Wichtig ist, dass wir vorbereitet sind wenn es auf uns zukommt, denn sonst können uns die teils wilden (Herzrasen!), zusammenhanglos erscheinenden, Symptome ganz schön aus der Bahn werfen. Gynäkologen bestätigen, dass viele Betroffene eine Odyssee durch die Wartezimmer der Kollegen unterschiedlicher Fachdisziplinen hinter sich haben, bis einer auf die Idee kommt die Frauenärztin einzuschalten, weil es sich bei einer Frau um die 50 vielleicht um Wechseljahres-Beschwerden handeln könnte. Die Vorsorge ist übrigens umso wichtiger, wenn du an chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes leidest. Wir sind eben individuell und so ist auch unser Beschwerdebild.

Aber Information ist nur die eine Seite. Schön wäre, wenn man/Mann uns in dieser Zeit mit Verständnis begegnete, denn es ist schon peinlich genug, wenn uns im Meeting der Schweiß in Sturzbächen den Rücken hinunterläuft. Da können wir auf lästerlichen Flurfunk (und ob es den gibt!) gut verzichten.

Sex macht uns immer noch Spaß, aber wir genießen jetzt langsamer und mit etwas Unterstützung für die Schleimhäute.
Die Wechseljahre heißen auch manchmal die zweite Pubertät. Wenn im gleichen Haushalt Kinder leben, die gerade durch die erste Pubertät gehen, besteht Explosionsgefahr! A propos Kinder: Der Abschied von der Fruchtbarkeit ist eine Zäsur. Besonders hart kann das Frauen treffen, die frühzeitig in die Wechseljahre kommen und ihren Kinderwunsch gar nicht erfüllen können. Da platzen mit den letzten Eibläschen ganze Lebensträume. Das macht uns verletzlich.

Und zu all dem gesellen sich Gedanken über unsere Zukunft. Das Ende der Fruchtbarkeit lässt uns automatisch über das Alter nachdenken. Wir fragen uns, was in der zweiten Lebenshälfte für uns noch drin ist.

Darin liegt letztlich unsere große Chance! Wir können uns noch einmal neu erfinden, frische Ziele anpeilen, andere Wege ausprobieren. Viele Frauen schlagen einen neuen Karrierepfad ein oder nehmen Träume in Angriff, die lange aufgeschoben wurden. Das ist das Positive am Wechsel, das ich mit dem WMT verbinde.

Und weil es mir so wichtig ist den Schleier des Schweigens über den Wechseljahren zu lüften – dazu beizutragen dass wir gemeinsam stark sind – engagiere ich mich!

1. Wechseljahres-Onlinekongress in deutscher Sprache von Frauen für Frauen

Dieser wird veranstaltet vom unabhängigen Online-Magazin Lemondays, das ich in diesem Fall als Redakteurin, Moderatorin und PR-Referentin unterstütze.

Hier die Facts:

  • Titel: „Mit Knowhow und Lebensfreude durch den Hormondschungel“
  • Wann: -12.11.2020
  • Voraussetzung zur Teilnahme: Anmeldung unter https://wechseljahreskongress.online
  • Kosten: Keine Kosten, kein Haken!

Wie funktioniert die Teilnahme?

  • Während der 7tägigen Veranstaltung werden täglich E-Mails mit Zugängen zur Kongressplattform, dem Kongresskalender, Experten-Informationen und allen weiteren wichtigen Details zum Kongressablauf versendet.

Was ist Kongressinhalt?

  • Das Herzstück der Veranstaltung sind Interviews mit mehr als 25 Experten ihres Fachs, die über alles Facetten der Wechseljahre aufklären, motivieren und praktische Tipps geben. Wir haben auch einen prominenten Überraschungs-Gast.
  • Wir betrachten die Wechseljahre ganzheitlich und sprechen daher nicht nur mit GynäkologInnen (u.a. Dr. med. Anneliese Schwenkhagen), sondern auch mit Heilpraktikern (z.B. Alex Broll), Bewegungs- und Sexualtherapeuten (Ilona Tomas und Tine Möller) , Anti-Stress-Trainern (Silke Steigerwald) und Coaches (Alexandra Cordes-Guth). Wir sprechen mit der Apothekerin  Ann-Katrin Kossendey-Koch) über den Darm und über gesunde Ernährung – auch nach der traditionellen chinesischen Medizin (Katharina Ziegelbauer). Es geht um Hormonyoga (Sunita Ehlers) und den Einfluss von Umweltgiften auf unseren Hormonhaushalt (Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard). Mit Bettina Hertzler kümmern wir uns um Hüftgold und Stilfragen und nehmen uns mit der Komikerin Sabine Bode selbst ein bisschen auf den Arm.
  • Ab dem ersten Kongresstag stehen allen angemeldeten Teilnehmern täglich 3-4 neue Interviews für 24 Stunden kostenfrei zur Verfügung.
  • Wer Interviews verpasst oder später anschauen möchte, kann das Kongresspaket mit dauerhaftem Zugang zu allen Interviews bestellen.  Vor Kongressbeginn zum Schnupperpreis!

Ich hatte die große Freude einige der Experteninterviews zu führen. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Die Gesprächspartner sind sich alle einig, dass die Wechseljahre kein Damoklesschwert sein müssen, sondern dass wir gut durch diese Zeit kommen können, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden uns um uns zu kümmern, mit Achtsamkeit für die Bedürfnisse unseres Körpers und die Botschaften aus unserem Inneren über das, was an Potenzial in uns steckt.

In einem Video das wir eigens für den Welt Menopause Tag zusammengestellt haben erklären unsere Expertinnen, warum sie es wichtig finden, dass offen über die Wechseljahre gesprochen wird.

Ich möchte euch diesen Zusammenschnitt sehr ans Herz legen!

Mir hat das sehr viel Auftrieb gegeben und ich wünsche mir für euch, dass ihr ganz viel Information, Inspiration und Mut mitnehmt und vielleicht Menschen kennenlernt, die euch auf eurem Weg durch den Wechsel begleiten können.

Sehen wir uns zum Kongress? Melde dich jetzt an unter: https://wechseljahreskongress.online

Du hast Fragen zum Kongress? Dann schreibe mir gerne eine Mail an:

heike.specht@lemondays.de

Ich freue mich auf dich!

Deine

Heike

„Hallo Zielgruppe, wollen wir uns kennenlernen?“ – 5 Tipps, um bei deinem Publikum sicher zu landen

Unsere Gastautorin heute ist Marie Luise Gillmann. Sie ist Germanistin, gelernte Buchhändlerin und als freie Rednerin selbstständig. Ihre Leidenschaft besteht darin, besondere Momente mit Menschen zu teilen und individuell die richtige Sprache für Gefühle zu finden, ob beim schönsten Tag des Lebens, oder beim Abschied von einem geliebten Menschen.
Mit ganz viel Gefühl für Sprache jongliert und experimentiert sie, bis sie die richtigen Worte gefunden hat. Für den PICUS Blog verrät sie 5 Tipps, wie auch wir die richtige Sprache für unser Publikum finden.

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Aller Emanzipation zum Trotz: Bei kitschigen Schmonzetten zücke ich gerührt das Taschentuch, während mich mein Verlobter nur verständnislos ansieht. Zum Ausgleich bin ich fassungslos, wann immer er sich vor Lachen biegt – bei schwarzen Komödien, deren derbe Komik sich mir einfach nicht erschließen will.

Zwischen Kitsch und Komik können Welten liegen, auch wenn die ausgelösten Emotionen in beiden Fällen über Sprache transportiert werden. Unsere Wut, Trauer oder Freude ist eng mit Sprache verknüpft. Von „Du Depp!“ bis „Ich liebe dich!“ ist sie das Ventil für unsere innersten Empfindungen.

Auch als Rezipient können wir Texten, die uns emotional ansprechen, besser folgen und sind eher bereit, dem vermittelten Inhalt Glauben zu schenken.

An sich nichts Neues – Kommunikationsgurus wie meine digitale Gastgeberin Heike Specht haben längst geschnallt, wie wir uns dieses Phänomen zunutze machen können.

Wieso schalten wir dann immer noch auf Flugmodus, sobald wir die Titelfolie der anstehenden Power-Point-Präsentation sehen? Weshalb wird in Fachartikeln informativ so oft mit langweilig gleichgesetzt?

Dahinter steckt nicht selten die Sorge, zu viel Emotion würde die Glaubwürdigkeit des Inhalts untergraben. Getreu dem Motto: “Je unverständlicher ich mich ausdrücke, desto kompetenter wirke ich.”

Dabei erreichen wir emotionale Bereitschaft für unseren Text nicht durch den inflationären Gebrauch von gefühlvollen Adjektiven oder eine passende Anekdote am Ende jedes Abschnitts.

So simpel es klingt: Die Grundlage dafür, Emotionen über Sprache zu transportieren, ist die Fokussierung auf unseren Adressaten.

Ich zeige dir jetzt, wie du in fünf Schritten die Aufmerksamkeit deiner Zielgruppe gewinnst.

1. Sprich deine Zielgruppe an

Denn wie jeder Mensch möchtest auch du lieber, dass man zu dir spricht als über dich.

Schon mit ein paar direkten Anreden holst du dein Publikum zu dir ins Boot. Im Idealfall hast du deine Leser oder Zuhörer bereits beim Schreiben vor Augen und versuchst während des Schreibprozesses dein inneres Publikum zu erreichen.

Ob du dich für das vertrauliche “Du” oder das offizielle “Sie” entscheidest, ist natürlich abhängig von der Zielgruppe, dem Rahmen des Vortrags oder Artikels und nicht zuletzt von deinem eigenen Geschmack. Allerdings empfinden wir ein “Du” generell stärker als ein “Sie”, da es Verbindlichkeit schafft und Vertrauen generiert.

Konsequenterweise solltest du dein Publikum nun darüber aufklären, wem es seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen überhaupt schenken soll:

Also gib deinem Dialogpartner ein Gegenüber!

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, eine Verbindung zwischen dir und deinem Publikum herzustellen. Schon durch graduelle Veränderung der Ansprache entfaltet der folgende Satz ganz unterschiedliche Wirkung.

Beispiel:

  • Wie Beispiel I bereits zu Beginn zeigen konnte,….
  • Wie Sie bereits zu Beginn an Beispiel I sehen konnten,…
  • Wie wir bereits zu Beginn an Beispiel I sehen konnten,…
  • Wie ich dir bereits zu Beginn an Beispiel I zeigen konnte,.…

2. Beziehe dein Publikum ein

Mache aus einem passiven Dialog einen aktiven, indem du dein Gegenüber in den Denkprozess einbindest. Sprich deinen Zuhörer oder Leser nicht nur an, sondern versetze dich in ihn hinein und überlege dir, was beim Lesen oder Hören in ihm vorgehen könnte. Unterstelle ihm kühn eine mögliche Gefühlsregung – gut dosiert wird das niemand persönlich nehmen. Oder ziehe dein Publikum auf deine Seite, indem du es mit einem Augenzwinkern zu deinem Komplizen machst.

Beispiele:

  • An dieser Stelle fragen Sie sich vielleicht….
  • Ihr kennt das sicher….
  • Seien wir ehrlich…
  • Wir alle haben doch schon einmal…

Fordere dein Gegenüber heraus und verhalte dich so, wie du es in einem Gespräch tun würdest: Stelle Fragen!
Damit lockst du deinen Dialogpartner aus der Reserve und zwingst ihn, aktiv zu werden.

Beispiele:

  • Was folgern wir daraus?
  • Wieso ich Ihnen das erzähle?
  • Wie komme ich auf diese Zahlen?
  • Wie würdest du vorgehen?

Je mehr du dein Publikum in deinen Beitrag einbeziehst, desto interessierter wird es deinen Ausführungen folgen. Bedenke aber, dass du dich mit dieser Methode sichtbar machst: Bei einem Text über deine persönliche Einschätzung des Projektstandes gewinnt dein Beitrag an Profil und Glaubwürdigkeit, wenn du deinen eigenen Standpunkt als solchen benennst und belegst. Bei einer Trauerrede (eines meiner Spezialgebiete) dagegen, ist deine persönliche Meinung irrelevant – hier sollte der Fokus eindeutig auf dem Verstorbenen und den Angehörigen liegen.

3. Höre zu

Fragen machen einen Text lebendig. Doch wie kann ich sicher gehen, auch die richtigen Fragen zu stellen? Entscheidend für einen erfolgreichen Dialog ist die gründliche Analyse im Vorfeld. Für das Vorgespräch mit deinem Kunden bedeutet das vor allem eins: Zuhören!

Versuche so viel wie möglich über deine Hörer oder Leser in Erfahrung zu bringen. Finde heraus, was deinem Publikum wichtig ist und mache dir klar, mit welcher Erwartung es deinem Beitrag begegnet.

Neben harten Fakten wie Alter, Geschlecht und Wissensstand ist vor allem die Erwartungshaltung deines Publikums von Bedeutung. Selbst wenn diese scheinbar klar kommuniziert wird, kommt es diesbezüglich immer wieder zu Missverständnissen:

Beispiel:

Dein Kunde hat Probleme mit der Gewinnung neuer Vereinsmitglieder. Die Erwartungshaltung deines Kunden ist klar: Finde eine Lösung, wie wir die Mitgliederzahlen steigern können!

In der mündlichen oder schriftlichen Präsentation deiner Ergebnisse muss der Fokus folglich auf deinen innovativen Lösungsvorschlägen liegen.

Dennoch solltest du dir sehr genau überlegen, an welchem Punkt du dein Publikum abholen willst, das gedanklich eher beim Problem als bei der Lösung steht – deshalb bist du ja da. Zeige deinem Kunden zunächst, dass du sein Problem erkannt hast und ernst nimmst. Durchlauft gemeinsam den Ideenfindungsprozess und erläutere ihm erst dann, weshalb deine Lösung speziell für sein Unternehmen ideal ist.

Denn die beste Lösung wird dein Publikum nicht erreichen, wenn es den Zusammenhang zwischen deinem Ergebnis und seinem Problem nicht herstellen kann.

Die Erwartungen deiner Kunden zu erfüllen bedeutet übrigens nicht, dass du ihnen nach dem Mund reden musst. Überrasche sie stattdessen mit einem neuen Blickwinkel oder zäume das Pferd von hinten auf. Kurz: Spiele mit der Erwartungshaltung deiner Kunden.

Wie weit du damit gehen kannst?

Auch das gehört zu gutem Zuhören. Durch die ein oder andere kritisch kecke Frage im Vorgespräch bekommst du ein Gespür dafür, wie empfänglich dein Kunde für humorvolle Beispiele und kritische Töne ist. Gleichzeitig gibst du deinem Kunden damit die Chance, sich auf die Art deines Vortrags oder deines Artikels einzustellen.

 4. Verlasse deine Komfortzone

Wir haben eifrig Informationen über unsere Zielgruppe gesammelt. Nun müssen wir uns darauf einstellen – und das ist gar nicht so einfach.

Hinterfrage deinen Inhalt…

Gerade bei der Zweitverwertung eines Textes ist die Verlockung groß, ihn ohne Anpassungen für eine andere Zielgruppe zu “recyceln”.

Doch bei allem Termindruck: Nimm dir die Zeit, deine Texte für den jeweiligen Zweck zu überarbeiten.

  • Entspricht der Informationsgehalt dem Wissensstand deiner neuen Zielgruppe?
  • Hat sich das Medium geändert?
  • Ist die Zielsetzung deines Textes gleich geblieben oder hat sie sich verändert?
  • Solltest du deinen Beitrag kürzen oder um Details erweitern?
  • Gibt es einen neuen Schnittpunkt mit deiner jetzigen Zielgruppe, den du aufgreifen kannst?
  • Wann hast du den Artikel verfasst oder den Vortrag ausgearbeitet? Gibt es neue Erkenntnisse, die Eingang in deine Arbeit finden sollten?

Mit einer gründlichen Überarbeitung stellst du sicher, dass du dein Publikum auch wirklich erreichst. Es wäre schade, wenn dein an sich guter Text ungelesen verpufft, nur weil du an der Zielgruppe vorbei geschrieben hast.

…und hinterfrage deinen Stil!

Du, ich und der Großteil aller Texter und Redner haben mit der Zeit unseren eigenen Stil entwickelt. Wir wissen, welche rhetorischen Figuren zu uns passen, wissen, welche sprachlichen Kniffe funktionieren und haben es uns in unserer Wortblase gemütlich eingerichtet.

Doch ein Blick über den Tellerrand bringt uns weiter! Du sollst einen Artikel für ein angesagtes Online-Magazin schreiben, bist aber eigentlich im Wissenschaftsjournalismus zuhause? Du bekommst die Möglichkeit, dein Thema auf unterhaltsame Art einem Laienpublikum vorzustellen, während du sonst vor Experten referierst?

Habe keine Angst vor Aufträgen, die vermeintlich nicht zu dir passen, sondern nimm die Herausforderung an!

So gewinnst du nicht nur neue Zielgruppen hinzu, sondern durchbrichst eingefahrene Muster und bringst frischen Wind in deinen Sprachalltag.

5. Sei authentisch

Informationen über unser Publikum lassen sich nicht immer so einfach beschaffen, wie wir das gerne hätten – oft haben wir es gar mit verschiedenen Zielgruppen auf einmal zu tun!

Versuche nicht, es jedem recht zu machen, sondern bleibe dir selber treu. Denn wer sich unverhohlen anbiedert, wird schnell als Schaumschläger entlarvt.

Du fragst dich, wie das mit dem vorherigen Abschnitt zusammenpasst?

Verlasse deine Komfortzone! Sei authentisch! – Ja was denn nun?!

Wie der Goldene Mittelweg funktionieren kann, zeigt das folgende Beispiel: Stell dir vor, du sollst Ergebnisse deiner Forschungsarbeit einer Oberstufe vorstellen. Dafür musst du deine Komfortzone verlassen:

Du passt deine Inhalte dem Wissensstand der Schüler an und bereitest den Stoff anhand von Beispielen anschaulich und verständlich auf. Auch sprachlich bemühst du dich um eine alltagsnahe Ausdrucksweise, die möglichst ohne Fachbegriffe auskommt.

Gleichzeitig ist deine Authentizität gefragt:
Du bist in diesem Beispiel weder Lehrer noch Schüler, sondern ein Gastdozent, der sein Fachgebiet vorstellt. Versuche nicht, Rollen einzunehmen, die du nicht ausfüllen kannst, sondern präsentiere deinen Stoff selbstbewusst als der, der du bist.

Dich um eine alltagsnahe, lockere Sprache zu bemühen zeigt dein Interesse an der Zielgruppe. Deine Rede mit hippen Jugendausdrücken zu schmücken (die im Zweifel längst überholt sind) wirkt dagegen selten überzeugend.

Auf Du und Du mit deiner Zielgruppe

Für eine Zielgruppe zu schreiben bedeutet für uns also immer eine Gratwanderung. Da heißt es Erwartungen zu erfüllen und gleichzeitig den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Da gilt es unser Publikum auf emotionaler Ebene anzusprechen und uns gleichzeitig nicht anzubiedern.

Doch keine Sorge: In unserem Alltag meistern wir diesen Spagat intuitiv. Durch unseren täglichen Umgang mit unterschiedlichsten Menschen sind wir darin geübt, uns inhaltlich wie sprachlich auf unser Gegenüber einzustellen.

Sei dir bewusst, dass du auch bei jedem Vortrag oder Artikel in einen Dialog mit deinem Adressaten trittst. Wenn du das verinnerlichst, hast du schon halb gewonnen.

Ich freue mich, wenn ich mit meinen Tipps dazu beitragen kann, deinen Blick für dein Publikum etwas zu schärfen und wünsche dir in diesem Sinne viele spannende und bereichernde Dialoge mit deiner Zielgruppe!

Dir haben meine Tipps gefallen?

Dann schreibe mir eine Nachricht an info.sprachgefuehl@gmail.com

Du suchst eine professionelle freie Rednerin?

Dann  besuche mich auf meiner Webseite: www.sprachgefühl.com

Herzliche Grüße

Marie Luise Gillmann

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Im Gespräch mit: Dominic Hippert – über soziales Management

Der Walk of Care hat soeben ein Solidaritätsvideo veröffentlicht und damit die Initiative #gibuns5 gestartet. Prominente und Pflegende machen dabei gemeinsam darauf aufmerksam, dass eine gut aufgestellte Pflege für uns alle wichtig ist. Das folgende Interview zeigt, wie soziales Management zu einer guten Situation in der Pflege beiträgt. Mein Interviewpartner, Dominic Hippert, unterstreicht  im Gespräch die Forderung nach mehr Unterstützung für das Personal in der Pflege.

Mein heutiger Gesprächspartner ist ein südkoreanisches Findelkind, das im Alter von 7 Jahren von einem deutschen Lehrer-Ehepaar adoptiert wurde. Hausmusik im klassischen Stil war der Rhythmus seiner Jugend. Die Standard-Frage der Verwandtschaft mit durchwegs pädagogischem Hintergrund, „Wie können wir dir helfen?“, hat damals noch genervt. Heute ist das Helfen seine Berufung. Dominic Hippert ist Geschäftsführer der Schwarzwaldpflege in Baden-Baden, Gaggenau und Offenburg. Er beschäftigt 140 Mitarbeiter.

Dominic, wie bist du nach Deutschland gekommen?

Mein biologischer Vater ist sehr jung gestorben. In Korea ist wichtig, dass der Stammbaum fortgesetzt wird und das betrifft nur den Sohn. Meine ältere Schwester hat also nach dem Tod meines Vaters bei meinem Onkel gelebt. Ich bin bei meiner Mutter geblieben. Aber das ging wirtschaftlich einfach nicht, weil meine Mutter zu jung war. Ich bin dann auf einem Markt ausgesetzt worden und wurde gefunden und Gott sei Dank in ein Kinderheim gebracht. Nach 5 Jahren im Heim bin ich am 26. April 1974 aus Südkorea nach Deutschland gekommen und bei deutschen Eltern aufgewachsen. Meine deutschen Eltern sind wie Natan der Weise für mich, es ist nicht wichtig wer deine biologischen Eltern sind, sondern, wer dich geprägt hat. Ich hatte eine glückliche Kindheit.

1985 kam ich zurück nach Südkorea mit einem Fernsehteam der Sendereihe „Gott und die Welt“, für einen Dokumentarfilm zum Thema Adoption. Dieser Film war so erfolgreich, dass mir die Redaktion meinen Herzenswunsch erfüllt hat, meine biologischen Eltern zu suchen. 1986 sind wir daher noch einmal nach Südkorea zurückgekehrt und ich habe dort meine Wurzeln gesucht – und gefunden.

Du bist heute in der Pflege tätig: Die Schwarzwaldpflege betreut rund 800 Menschen. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich zu dieser Berufung hingeführt hat?

Meine Adoptiveltern waren sehr sozial eingestellt und wollten, dass meine Geschwister und ich soziale Berufe erlernen. Ich hingegen wollte immer Manager werden, ich vermute, weil ich aus armen Verhältnissen kam. Aber meine Mutter hat gesagt: „Das sind keine guten Menschen.“ Ich habe, als pubertierender junger Mann, trotzig geantwortet:

„Ich werde der erste soziale deutsche Manager!“

Es gab dann tatsächlich ein Schlüsselerlebnis. Ich hatte einen schweren Unfall in einer Druckerei. Der rechte Arm wurde mehrfach operiert und war ein Jahr lang gelähmt. Er sollte amputiert werden, aber das habe ich nicht zugelassen.

Da ich vier Mal operiert wurde, habe ich den Beruf des Krankenpflegers in dieser Zeit gut kennengelernt und entschieden, dass ich nun doch einen sozialen Beruf erlernen will. So wurde ich selbst Krankenpfleger.

Anschließend habe ich eine Ausbildung zum Pflegefachwirt gemacht und dann doch noch Management studiert an der Steinbeiß Hochschule Berlin, mit Abschluss Master of Business Administration (MBA).

Ich habe immer gesagt „mit 30 Jahren mache ich mich selbstständig“.  Das habe ich dann auch gemacht.

Und, bist du dann tatsächlich sozialer Manager geworden?

Ich habe von Beginn an überlegt wie ich meine Mitarbeiter fördern kann. Wie kann ich ihnen etwas Gutes tun? Wie kann ich selbst ein Vorbild sein? Was kann ich für meine Mitarbeiter tun?

Ich habe mich sehr früh in Bezug auf Personalentwicklung beraten lassen. Ich habe z.B. Karriereplanung für meine Mitarbeiter begonnen. Wir haben betriebliche Altersvorsorge angeboten und zwar arbeitgeberfinanziert. Das war damals in unserer Branche total unüblich, ist ja auch schon über 20 Jahre her. Ich denke, wir Unternehmer wollen natürlich auch Geld verdienen, aber wir haben auch eine soziale Verantwortung und wir können nicht immer nur streichen, wenn es wirtschaftlich schlechter läuft.

Wir haben Mütter-gerechte Arbeitszeiten eingeführt. Das heißt, die Mitarbeiterinnen hatten mit dem Kindergarten oder den Schulzeiten ihrer Kinder vereinbare Arbeitszeiten bekommen, die sie auch variabel gestalten konnten mit nur 24 Stunden Vorlauf. Die Mitarbeiterinnen konnten auch innerhalb eines Monats ihre Stundenzahl aufstocken oder zurücksetzen, wie sie es gebraucht haben.

In den Ferienzeiten haben wir Ersatz für die Kindergärten geschaffen, indem wir Kindergärten betrieblich bezahlt haben. Oder die Mütter haben Kinderbetreuung unter sich organisiert. Damals hatte ich übrigens 10 Mitarbeiter. Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg – damals unter Walter Döring –  hat uns belobigt.

Seit damals haben sich die Zeiten geändert. Was bedeutet denn moderne Führung für dich?

Moderne Führung bedeutet für mich heute Verantwortung zu übergeben, Mitarbeiter nicht als Angestellte zu sehen, sondern als selbstständig arbeitende Menschen. Das bedeutet, dass ich Ihnen Verantwortung für ihre Entscheidungen übergebe. Sie haben dadurch mehr Handlungsfreiräume und Gestaltungsspielraum bis in die Unternehmensführung hinein. Sie dürfen mitentscheiden. Es gibt nichts Besseres als Mitspracherecht für Mitarbeiter.

„Mitbestimmungsrecht ist für mich das Hauptmerkmal moderner Führung. Freiheit im Tun für den Mitarbeiter ist wichtig.“

Magst du beschreiben, was ihr in der Schwarzwaldpflege leistet?

Wir kümmern uns um Menschen die hilfe- und pflegebedürftig sind. Unsere Kunden sind nicht nur Senioren. Unser jüngster Kunde ist Mitte dreißig – mein jüngster Freund wie ich immer sage – und querschnittsgelähmt. Um ihn kümmern wir uns schon seit 10 Jahren.

Wir pflegen derzeit mit 140 Mitarbeitern rund 800 Menschen. Pflegebedürftige kommen zu uns über Krankenhäuser, Ärzte oder Angehörige. Die meisten kommen über Empfehlung von Angehörigen oder Pflegebedürftigen selbst.

Viele wenden sich zunächst an uns, weil sie Hauswirtschaft brauchen. Der Hilfebedarf beginnt, weil sie nicht mehr kochen, putzen oder sich waschen können. Das sind Kurzeinsätze. Menschen wenden sich aber auch an uns, weil ein Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Krebserkrankung vorliegt. Oder weil medizinische Therapien gebraucht werden, z.B. Insulinspritzen, die sie sich selbst nicht geben können oder Wunden haben, die versorgt werden müssen.

Wer sind die Menschen, die für dich arbeiten?

In der ambulanten Pflege arbeiten wir mit Krankenschwestern und Altenpflegern, in der Hauswirtschaft mit Menschen mit entsprechender Qualifikation. Mir ist wichtig, mit Mitarbeitern zu arbeiten, die nicht problemorientiert, sondern lösungsorientiert denken und fühlen. Menschen die lösungsorientiert denken, fühlen und handeln sind positiver. Beim Bewerbungsgespräch höre ich deshalb sehr genau hin. Ich entscheide mich für einen Bewerber, weil ich sehe wie sie bzw. er denkt, z.B. nach einer Fallstudie.

Ich achte auch auf die Sprache. Ein lösungsorientierter Mensch benutzt andere Worte.

Die Erfolge mit dieser Taktik sind übrigens messbar. Die Anzahl der Kunden und der Mitarbeiter ist in den letzten Jahren stark angewachsen. Unsere Mitarbeiter reden positiv über ihren Job und selbst in der Corona-Zeit habe ich neue Mitarbeiter eingestellt.

Wir wollen ein Zeichen setzen. Wir gestalten unser Unternehmen freundlicher, weiblicher, weil die Pflege weiblich ist. Wir setzen das im Design ebenso um wie in unserer Sprache.

Die Pflege ist weiblich. Daher wird mit emotionaler Ansprache nach neuen MitarbeiterInnen gesucht. Hat auch während Corona gut funktioniert.

Das Budget im sozialen Bereich ist sehr niedrig. Vater Staat gibt zu wenig aus. Ein Land sollte sozial bleiben. Dazu gehört, dass Menschen in sozialen Berufen gut leben können und nicht das Gefühl haben, sie sind nur noch Ausputzer.

Die Zeit bei den Pflegebedürftigen wird immer knapper, weil das Budget immer knapper wird. Aber jeder, der für uns arbeitet hat die Freiheit, die Zeit beim Kunden so zu gestalten, wie es für diesen Menschen am Besten ist. Ich gängele niemanden und wenn es einmal ein paar Minuten länger dauert, dann gibt es auch keine Diskussionen. Das verstehe ich unter bedarfsorientierter Pflege mit Verantwortung.

Welches Ziel habt ihr, in der Zeit, die ihr mit Pflegebedürftigen verbringt?

Das schönste Geschenk an unsere Pflegebedürftigen ist, dass wir Freude bringen. Sie können mit uns lachen, über positive Aspekte sprechen und ihre Sorgen abgeben, so dass sie sich danach etwas leichter fühlen. Das ist nicht so einfach wie es klingt, weil man seelisch gefestigt sein muss. Meine Mitarbeiter müssen da schon viel Professionalität an den Tag legen.

Das andere ist, dass wir sanft pflegen. Was heißt das? Wir vermeiden jede hektische Bewegung und geben damit den Pflegebedürftigen ein Gefühl der Wohltat. Wir nehmen die Hektik aus unserem Tun, damit der Kunde das Gefühl hat gut betreut zu sein.

Wie erreichst du, dass deine Mitarbeiter emotional in der Balance bleiben bei diesem Job?

Menschen die einen sozialen Beruf ausüben brauchen innere Zuwendung. Wir Führungskräfte sind für unsere Mitarbeiter deshalb immer ansprechbar. Ich nenne das „zielgerichteter Smalltalk“. Ich muss innerhalb von Sekunden erkennen, in welchem Zustand sich mein Mitarbeiter befindet und dann entsprechend coachen. Das muss der Mitarbeiter nicht einmal mitbekommen. Ich stelle Fragen, kümmere mich um Bedürfnisse – z.B. bringe ich ein Wasser oder mal einen Kaffee vorbei. Ich nehme auch mal jemanden in den Arm. Für mich ist das Service für interne Kunden. Dieses Miteinander und Füreinander ist leider sehr selten in der Pflege. Aber wenn das wegfällt ist es egal wo du arbeitest, dann spielt nur noch das Geld eine Rolle. Daher ist mir das als Führungskraft so wichtig.

Gerade Mitarbeiter die sterbende Menschen pflegen brauchen selbst Beachtung. Ich stelle dann gern Fragen. Diese müssen personalisiert sein, also wirklich mit dem Mitarbeiter etwas zu tun haben. Noch besser ist es, wenn ich die Fragen mit einer „Ich-Botschaft“verbinde. Also z.B. in dem ich sage: „Haben Sie heute Nacht auch so schlecht geschlafen wie ich?“

Und wer pflegt deine Geschäftsführerseele?

Ich lese, höre Musik, das gibt mir innere Stärke. Ich tue Dinge, die mich wieder nach vorne bringen, die mir Energie geben. Ich treffe mich z.B. mit Freunden und wir sprechen nicht über die Arbeit. Ein Spaziergang in der Natur, wenn auch nur für 20 Minuten, tut gut. Ich persönlich regeneriere am besten beim Autofahren.

Lass uns über das Älterwerden in unserer Gesellschaft sprechen. Was sind deine Gedanken dazu?

Was mich traurig macht ist, dass Menschen wenn sie älter und vor allem pflegebedürftig werden als Kosten-Nutzen Faktor betrachtet werden. „Was ist das Notwendige, was wir noch tun müssen?“ Das geht in meinen Augen gar nicht, denn das ist die Generation, die dafür gesorgt hat, dass wir alle heute da stehen, wo wir stehen. Das sage ich immer unseren jungen Mitarbeitern: Diese Menschen haben unseren Weg vorbereitet.

Ich mache mit meinen Mitarbeitern Gedankenspiele. Ich sage: „Stell dir vor, deine Eltern hätten dich als kleines Kind wie einen Kosten-Nutzen Faktor behandelt. „Du bringst ja nichts, du kostest nur!“ Hätte dir das gefallen?

„Ich denke wir alle in der Pflege müssen Vorbild sein für eine menschliche Gesellschaft. Das ist für mich Pflege.“

Mir ist wichtig, dass junge Menschen das verstehen: Es geht hier nicht nur ums Geld, sondern um den Beitrag für unsere Gesellschaft, den Älteren etwas zurückzugeben. Ich gebe mir Mühe, das verständnisvoll darzulegen und auch vorzuleben, denn es hilft am meisten, mit positivem Beispiel voranzugehen, statt ständig zu jammern und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir können auch im Rahmen unserer Möglichkeiten immer Veränderung herbeiführen.

Unternehmer können z.B. Veränderung hervorrufen, indem sie generationen-vereinende Projekte fördern. Wir haben beispielsweise ein Projekt gemacht, bei dem Schüler unseren Senioren beigebracht haben, wie man ein Mobiltelefon benutzt. Ich finde hier könnte auch der Staat mehr tun.

Hast du Wünsche an die Politik was die Situation der Pflege in Deutschland betrifft?

Politik sollte nicht nur reden, sondern auch tun. Das Sparen an Pflegekräften hat dem System nicht gut getan. Ein Blick in die Schweiz, nach Skandinavien oder in die Niederlande könnte hier gut tun.

Nachdem die Anforderungsprofile an Pflegekräfte verändert wurden, ist die Zahl der Absolventen drastisch gesunken. Menschen mit geringeren Abschlüssen haben praktisch keine Chance mehr einen Pflegeberuf zu erlernen. Das sollte unbedingt geöffnet werden, denn nicht jeder in der Pflege Tätige braucht einen akademischen Titel. Wir brauchen auch Menschen, die mit Herz und Verstand pflegen, unabhängig vom Schulabschluss.Die geistige Reife und die innere Einstellung sind da viel wichtiger. Das Berufsbild muss stärker diversifiziert werden und es müssen bessere Aufstiegschancen für Menschen mit einem geringeren Abschluss geschaffen werden. Wenn du z.B. eine Altenpflege-Helferin bist – also eine einjährige Ausbildung absolviert hast – kommst du nie mehr weiter. Da gibt es bei uns einfach zu wenig Förderung.

“Wir haben uns in der Pflege zu stark auf das Aussortieren konzentriert, ich finde wir sollten eher wieder einsortieren!”

Vielleicht müssten Politiker einmal für eine Woche mit unseren Pflegebedürftigen tauschen, dann würde sich vieles verändern. Vielleicht würden sie dann lernen, mit dem Herzen zu sehen und erkennen, dass wir als Gesellschaft auch dann noch leistungsfähig sein können, wenn wir uns vermenschlichen.

Ich musste einmal eine kirchliche Sozialstation sanieren. Ich habe gefragt, ob sie eine menschliche oder eine normale Sanierung wollen. Normalerweise schmeißt man erst mal Mitarbeiter raus. Ich dagegen habe bessere Mitarbeiter eingestellt und noch Kosten produziert. Aber ich habe das so begründet: Wir müssen erst einmal sähen, um ernten zu können. Ich habe in Menschen investiert und die Einrichtung hat viel zurückbekommen.

Welche Rolle spielt für dich Kommunikation in deinem Unternehmen?

Ich will keinen Straßenjargon in meiner Firma hören. Ich spreche das sofort an und schlage Alternativen vor. Durch dieses positive Eingreifen verändert sich die Kommunikation im Unternehmen.

Positive Wortwahl ist mir ganz wichtig. Ich frage meine Mitarbeiter ob sie sich wirklich gut fühlen, wenn ihr Partner zu ihnen sagt: „Du siehst heute aber nicht schlecht aus!“

Keine Floskeln benutzen, sondern konkret werden, auch in der Kritik. Daran kann der andere doch nur wachsen.

Die Unternehmenskommunikation ist wichtiger Bestandteil meiner Corporate Strategy, daher fördern wir die gute Kommunikation untereinander und nach außen.

Bei der Schwarzwaldpflege gehört positive Kommunikation zur Unternehmensstrategie

Hast du Tipps für Leser, die sich gerade selbstständig machen? Wo liegen die Herausforderungen aus deiner Sicht?

Ich selbst bin wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ich hatte mir vorgenommen bevor ich 30 Jahre alt werde mein eigenes Unternehmen zu gründen. Das habe ich dann einfach gemacht und erst danach die Weiterbildung begonnen. Ist vielleicht nicht zur Nachahmung empfohlen.

Die größte Hürde ist meist das Thema Finanzen. Ich hatte die Einstellung, „Ich bin jung, dynamisch und will erfolgreich werden“ und sah das Ganze wohl etwas zu rosig. Ich habe meine finanzielle Kraft überschätzt. Erfolg bedarf guter Mitarbeiter die bezahlt werden wollen. Krisen hatte ich nicht im Fokus. Bei meiner ersten Krise musste ich dann das Auto verkaufen, das mir mein Vater geschenkt hatte, um meine Mitarbeiter halten zu können. Mein Vater war entsetzt, aber ich habe die Krise damit überwunden. Ich wollte mich auf keinen Fall unterkriegen lassen und wusste, dass ich die Mitarbeiter brauche, wenn der Aufschwung kommt. Und so war es dann auch.

Man sollte mit Krisen rechnen. Krisen passieren, oft nicht einmal selbstverschuldet, sondern durch gesetzliche Veränderungen, Zufälle die wir nicht steuern können oder wie gerade eben durch eine Pandemie. Aber man sollte gewappnet sein. Sparen ist hier das Zauberwort. Mein Tipp ist, eine finanzielle Ressource für mindestens drei Monate anzulegen.

Wichtig ist außerdem geistig mit den Aufgaben zu wachsen. Um führen zu können, muss der Geist größer werden. Man muss also ehrlich zu sich selbst sein und sich fragen, welche Fähigkeiten man selbst nicht mitbringt. Diese muss man sich dann einkaufen, sich entsprechend beraten bzw. coachen lassen.

Defizite bei sich selbst zu erkennen und rechtzeitig daran zu arbeiten ist von Bedeutung.Stichwort: Weiterbildung. Wenn ich sage: „Ich kann das noch nicht, also lerne ich es“, dann bin ich auch ein gutes Vorbild für die anderen im Unternehmen.

Als drittes würde ich die Kommunikation noch anführen. Die Sprache im Unternehmen wird oft vernachlässigt.

“Aber es ist nicht wichtig, was ich gesagt habe, sondern das, was mein Gegenüber verstanden hat.”

Ich sage in meinen Schulungen inzwischen: „Nicht interpretieren, besser nachfragen!“ Denn die Interpretation ist zu 90% falsch, weil sie von meinen eignen Erfahrungen, meiner Sozialisation und meinem Wissen abhängt. Interpretation führt zu Missverständnissen, baut Mauern auf und zerstört Vertrauen.

Sich Methoden der psychologischen Führung anzueignen halte ich daher für besonders wichtig. Wir haben es immer mit Menschen zu tun. Wer richtig führt, hat mehr Erfolg.

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Vorgestellt – Dominic Hippert

Mein Gesprächspartner heute war Dominic Hippert, Geschäftsführer der Schwarzwaldpflege mit Büros in Baden-Baden, Gaggenau und Offenburg. Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger und praktischer Berufserfahrung folgte die Weiterbildung zum Pflegefachwirt und schließlich das Management-Studium in Berlin mit dem Abschluss Master of Business Administration. Dominic Hippert ist seit fast 25 Jahren im Bereich der Pflege selbstständig tätig.

Dieses Gespräch ist Teil meiner Serie “Im Gespräch mit…” von und für Menschen die inspirieren, quer denken, vernetzen, verändern und eine positive Einstellung ins Leben tragen.

Sie möchten jemanden aus Ihrem Netzwerk vorschlagen, dessen Stimme gehört werden sollte? Dann schreiben Sie mich gerne an!

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